Vorbemerkung
Dieses Tagebuch wurde von Richard Pietraß handschriftlich in einem landwirtschaftlichen Hilfs- und Schreibkalender für das Jahr 1941 geführt. Er hat vorab die Wochentage mit denen von 1945 überschrieben. Jeder tägliche Eintrag beginnt mit der Beschreibung des für den Landwirt wichtigen Wetters, das Wort "Witterung" ist vorgedruckt.
Hier Kopien von zwei Seiten des Tagebuchs zur Anschauung.
Das handschriftliche Tagebuch wurde 2005 von
Alfred Pietraß als Word-Datei abgeschrieben. Der Fluchtweg wurde von
Martin Pietraß in historische Landkarten eingezeichnet. Damit kann beim Lesen des Tagebuchs der Fluchtverlauf auf der Landkarte nachvollzogen werden.
Januar 1, Montag
Witterung: trübe bei leisem Südwest, 5°-
Zu Hause, kein Besuch.
Januar 2, Dienstag
Witterung: leicht bewölkt, 10°-
Rest Grummet von Niedlitz geholt.
Januar 3, Mittwoch
Witterung: den ganzen Tag Schnee und Regen bei scharfem Südwest, 0°
1 Fuder Erbsenstroh nach dem Vorwerk, 1 Fuder Roggenstroh zurück.
Erbsen gefuchtelt.
Auf dem Hof beschäftigt.
Erich Grzybowski zu Besuch.
Januar 4, Donnerstag
Witterung: leicht bewölkt, mild bei Südwest, 0°
Gedroschen, Gemenge aus dem Giebfach, ca. 75 Ztr.
Alle 3 Frauen je 1 Tag.
Januar 5, Freitag
Witterung: zeitweise klar bei leisem Südwest, morgens 10°-, abends 5°-
Dreschen fortgesetzt, Gemenge beendet, 20 Ztr, Hafer 55.
Fr. Schinor, Mathis, Peilv, je 1 Tag.
Januar 6, Sonnabend
Witterung: schön bei Windstille, 6°-
4 Pferde in Rotwalde bei Fischer beschlagen.
Gemahlen ca. 35 Ztr, nachm. Häcksel geschnitten.
Januar 7, Sonntag
Witterung: schön bei leisem Südost, 5°-
Lisa, Gerda u. Bernhard mit Bahn zu Besuch.
Dr. Szomm abgereist, in der Nacht wieder zurück gekommem.
Januar 8, Montag
Witterung: trübe, leichter Schneefall, Windstille, 3°-
Kullick mit Fuhrwerk nach Lötzen Brennstoff holen u. in anderen Geschäften.
Rüben 2 Kasten für Schweine, Streustroh auf den Hof gebracht.
Kullick’s Sohn am 13.12.44 in Kurland gefallen.
Januar 9, Dienstag
Witterung: leichter Schneefall bei leichtem Ostwind, 3°-
Dung gefahren Schl. Br zur Vorfrucht.
Kullick wieder nach Lötzen.
Peter mit Fuhrwerk von Adlersdorf zurück.
Januar 10, Mittwoch
Witterung: trübe bei rauhem Südost, 3°-
Dungfahren fortgesetzt
Jean nach Lötzen zum Arzt
Dr. Szomm mit dem Frühzug von Milken abgereist.
Januar 11, Donnerstag
Witterung: Tauwetter bei Südost, 1°+
Dungfahren fortgesetzt
Jean krank.
Januar 12, Freitag
Witterung: klar bei leisem Ostwind, 1°–, tagüber schönes warmes Wetter
Dungfahren fortgesetzt.
Großoffensive der Bolschewisten an der Ostpr. Grenze bis Memel, Artilleriekampf Schloßberg, Ebenrode.
Jean krank.
Januar 13, Sonnabend
Witterung: morgens Nebel, leicht bewölkt, abends wieder Nebel, Windstille, tagüber mild, morgens 5°–
Klee aus dem Fach auf den Kuhstall, 5 Fuder
Sterke I gekalbt, Bullkalb.
Januar 14, Sonntag
Witterung: morgens Nebel, tagüber schön bei Südwind, 5°–
Zu Hause verlebt.
Kullick aus Lötzen zurück
Sterke II gekalbt, Kuhkalb.
Januar 15, Montag
Witterung: nachts und bis Mittag Schnee, nachm. schön, 1°–
Dungfahren fortgesetzt.
Januar 16, Dienstag
Witterung: klar bei leisem Nordost, 13°–
Dungfahren fortgesetzt.
Den 4-jährigen Fuchs an die Wehrmacht abgegeben, Preis 205 RM,
Geschirr 120 RM.
Januar 17, Mittwoch
Witterung: vorm. leicht bewölkt, 10°–, nachm. starkes Schneetreiben, 5°–
Rüben – hier gefahren.
Kullick aus Lötzen zurück.
Januar 18, Donnerstag
Witterung: vorm. klar, nachm. trübe, 4°–
1 Gefg. nach Mahlgut, Milken
1 Gefg. 20 Ztr. Kohlen für die Schule geholt.
Nachm. Rüben – hier gefahren.
Januar 19, Freitag
Witterung: wie vorher, bei scharfem Südwest, 4°–
Rüben – hier gefahren, 2 Kasten Rüben für Schweine.
Nachmittags: Aufruf vom N.S.V., Vorbereitung zum evtl. Flüchten, noch unbekannt wohin?
Januar 20, Sonnabend
Witterung: morgens trübe, tagüber klar bei Windstille, 1°–
Vorm. gemahlen, ca. 35 Ztr, Nachm. Häcksel geschnitten.
Januar 21, Sonntag
Witterung: wie vorher
Vorbereitung zur Flucht, 4 Wagen für die Leute, Gummiwagen mit Trecker für uns.
Januar 22, Montag
Witterung: trübe und mild
Um 10 Uhr mit Trecker u. Gummiwagen voll beladen über Rotwalde, Stürlack, Richtung Rastenburg, in
Gr. Galbuhnen in der Schulklasse übernachtet.
Die Pferdefuhrwerke nachm. geschlossen zu einem Troß losgefahren, Endstation Dirschau befohlen, aber nicht erreicht.
Januar 23, Dienstag
Witterung: trübe bei leisem Ostwind, 4°–
Um 8 Uhr weiter über Bartenstein, in
Landsberg bei Frau Krause übernachtet. Frl. Gallonska früher bei Czybulka, Milken hier angetroffen.
Zwischen Bartenstein und Landsberg Panne am Gummiwagen, 2 Stunden Aufenthalt, Schlauch geflickt.
Unendlicher Zug von Flüchtlingen in Richtung Landsberg. Viersp. Wagen von großen Gütern aus dem Kreis Insterburg.
Januar 24, Mittwoch
Witterung: wolkig, tagüber Schneeschauer, 5°–
Um 6 Uhr trennten wir uns. Selma, Hilde und die beiden Kinder mit Autobus wollten schneller über Braunsberg über die Weichsel kommen, leider war es zu spät, alles gesperrt.
Wir kamen über Mehlsack um 13 Uhr wohlbehalten in Mühle
Wilknitt an.
Januar 25, Donnerstag
Witterung: zeitw. aufklärend, 6°–
Selma, Hilde u. die Kinder kamen nur bis Braunsberg, dann mit Schlitten bis Mehlsack, Hilde zu Fuß bis Wilknitt Fuhrwerk holen. Alle gesund angekommen, hocherfreut, daß wir wieder zusammen und vorläufig geborgen sind.
Januar 26, Freitag
Witterung: leicht bedeckt bei scharfem Südwest, 10°–
Der Feind rückt weiter vor,
bei Marienburg u. Elbing starke Gefechte, überall traurige Gesichter.
Immer mehr Flüchtlinge treffen ein. 3 Wagen aus Mohrungen quartieren sich hier ein, Fr. Gutsbes. Liedtke u. Fr. Haack.
Januar 27, Sonnabend
Witterung: wie vorher, 10°–
Kanonendonner wird stärker, Feindflieger kreisen.
Januar 28, Sonntag
Witterung: trübe, zeitweise aufklärend, 10°–
Großer Andrang zur Mühle nach Brotmehl, sonst nichts von Bedeutung.
Januar 29, Montag
Witterung: wolkig, Neigung zu Schnee, 6°–
Kanonendonner hält an.
Januar 30, Dienstag
Witterung: starker Schneefall bei scharfem Westwind, 3°–
Wormditt vom Feind besetzt.
Selma, Hilde u. Oma Berta sehr erregt wegen Lebensgefahr.
Mühle hat wenig Wasser.
Januar 31, Mittwoch
Witterung: mild, Neigung zu Tauwetter, 0°
Schlechte Nachricht, Feind rückt bis an die Oder vor. Über Masuren wird im Heeresbericht nichts gemeldet.
Februar 1, Donnerstag
Witterung: Tauwetter mit Regen, 3°+
Hilde, Minna u. ich zu Fuß in Schlepstein, dort alles voll Soldaten und Flüchtlinge.
Februar 2, Freitag
Witterung: Tauwetter hält an, 4°+
Mühle bekommt Wasser, Müller Hugo mahlt fleißig Brotmehl, da großer Bedarf.
Königsberg von Norden u. Süden vom Feind bedrängt.
Fortgesetzter feindlicher Angriff in Schlesien bis in die Nähe von Küstrin.
Februar 3, Sonnabend
Witterung: mild, morgs. Nebel, 6°+
Ostpreußenwerk Königsberg liefert keinen Strom, Mühle Lichtenfeld außer Betrieb.
Februar 4, Sonntag
Witterung: klar und mild, Frühlingswetter
Mittags kreisen mehrere feindliche Flugzeuge um uns. Plötzlich krachen die Bomben auf der Chaussee bei Wilknitt auf einen Troß von Flüchtlingen, ca. 20 Einschläge, 2 Tote, mehrere Verletzte u. 9 zerrissene Pferde u. Wagen liegen neben der Straße.
Februar 5, Montag
Witterung: mild 4°+
Die Mühle klappert. Kanonendonner hält an. Immer kommen noch Flüchtlinge u. Soldaten mit Pferden.
Februar 6, Dienstag
Witterung: Tauwetter hält an mit Regen u. Nebel, Schnee zum größten Teil weg.
Um 10 Uhr abends kam Lisa mit ihren 4 Kindern u. Christel als Kutscher völlig ermattet hier an. Ein trostloses Bild!
Februar 7, Mittwoch
Witterung: Tauwetter
Befehl vom Bartker Bürgermeister: alle Flüchtlinge in Richtung Heiligenbeil abfahren.
Christel ließ das Fuhrwerk hier und ging zu Fuß zu ihren Angehörigen, die in Lichtenfeld mit 4 Wagen warten und nicht wissen, wo sie weiterkommen.
Februar 8, Donnerstag
Witterung: trübe, Nebel, mild
Schw. Gustav’s Geburtstag.
Selma, Hilde, die beiden Kinder, Oma Berta und Lisa mit Kindern auf Gummiwagen u. Trecker Richtung Heiligenbeil abgefahren. Ein trauriges Abschiednehmen! Von Lüdtkenfürst nach Heiligenbeil weitergefahren.
Kerschling mit 2 Wagen um 13 Uhr hier angekommen, um ein Unterkommen zu suchen. Hier unmöglich, da jeder Raum mit Soldaten u. Pferden belegt ist. Nach 2 Stunden Aufenthalt fuhr er zurück nach Lichtenfeld.
Februar 9, Freitag
Witterung: Tauwetter hält an
Minna u. ich Spaziergang nach Gut Wilknitt. Im Weidegarten neben den Insthäusern ca. 300 Stück Kühe u. Jungvieh zusammengetrieben. Das arme Vieh brüllt nach Futter u. kommt allmählich um.
v. Steegen-Denkmal besehen: Ein einfacher großer Feldstein mit folgender Inschrift: Hubertus von Steegen, letzter Fideikommiß, Herr von Wilknitt, gefallen am 23. Januar 1943 in Stalingrad.
Februar 10, Sonnabend
Witterung: Tauwetter
Alle Zimmer mit Ausnahme von 2 Schlafzimmern mit Soldaten belegt, auch über 60 Pferde sind untergebracht, die den Heuboden leerfressen.
Else Schulz mit Schwager Wiek auf Wagen Richtung Heiligenbeil geflüchtet.
Februar 11, Sonntag
Witterung: mild, morgens etwas Schnee, tagüber schön
Alle Soldaten u. Pferde um Mitternacht in Richtung Zinten abgezogen.
Großes Reinemachen im Hause.
Um 15 ½ Uhr ist Schwager Gustav in der Nähe seines Insthauses durch einen Fliegerangriff mit Bordwaffen beschossen u. sofort getötet, Toni lag etwa 3 Meter neben ihm in Deckung, blieb glücklicherweise unverletzt. Er wurde 3 Stunden später in seinem Garten unter Lebensbäumen begraben. Minna u. ich zugegen.
Februar 12, Montag
Witterung: morgens kl. Schneefall, tagüber trübe u. Nebel
Um 11 ½ Uhr flüchten wir auf einem Kastenwagen über Wohlau auf schlechten Landwegen nach
Hohenfürst zu Gustel und Berta. Hugo Schulz u. Haustochter Betty fuhren bis Lüdtkenfürst, um bei seinen Eltern das Fuhrwerk unterzubringen. Toni, Minna u. ich blieben bei den Schwestern zur Nacht.
Februar 13, Dienstag
Witterung: morgens trübe, tagüber aufklärend, 1°–
Auch hier in Hohenfürst voll Flüchtlingen und Soldaten. Den Schwestern steht nur die Küche u. das kl. Schlafzimmer zur Verfügung. Hier noch eine Nacht.
Von 2 Seiten entfernter Kanonendonner zu hören. Zinten wird beschossen.
Februar 14, Mittwoch
Witterung: Nebel, tagüber trübe u. Schnee
Von Hohenfürst bis
Sonnenstuhl.
In einer Gutsscheune schlecht geschlafen. Der Sonnenstuhl liegt links von der Chaussee tief im Tal von Wald umgeben. Mühle Bahnau, wo Ernst 1924 als Müllerlehrling tätig war.
Februar 15, Donnerstag
Witterung: aufklärend, morgens recht kalt, 3°–
Auf sehr schlechten Wegen zeitweise über Bruch nähern wir uns dem Haff.
In Rittergut
Klenau in einem Scheunenfach auf Heu besser geschlafen.
Die Fahrt ging durch Braunsberg, kaum haben wir B. verlassen, kamen russische Flieger, die Stadt zu bombardieren. Starke Rauchwolken u. Feuer sichtbar.
Februar 16, Freitag
Witterung: wolkig u. windig
Von Klenau ging es mit großen Unterbrechungen
auf’s Haff.
Das Eis kaum 20 cm stark, stellenweise müssen Löcher, die sich bei dem riesigen Verkehr bilden, umfahren werden. Fliegerangriff mit Bordwaffen.
Die Nacht auf dem Eis zugebracht. Wie einem da zu Mute ist, ist nicht zu beschreiben.
Februar 17, Sonnabend
Witterung: etwas besser
Die zweite Nacht auf dem Eise.
Auf der Fahrt von feindlichen Fliegern beschossen. Ein Geschoß etwa 10 m von unserem Fuhrwerk vorbeigepfiffen. Vor uns 2 Pferde u. ein Polizist tot, mehrere Verletzte.
Tote Pferde u. eingebrochene Wagen zu beiden Seiten auf dem Eiswege.
Februar 18, Sonntag
Witterung: trübe, nicht zu kalt.
Den ganzen Tag auf dem Eise.
Abends endlich wieder Land, da atmen wir auf. In einem Fischerdorf auf dem Schulhof übernachtet.
Auf dem Haff durch Zufall mit Tolkmitt’s, Schlepstein zusammengetroffen. Beim Beschuß durch Artillerie wurde der alte Thal am Arm stark verwundet.
Februar 19, Montag
Witterung: wolkig, mild
Wir nähern uns der
Weichsel. In einem Kinosaal übernachtet,
Massenunterkunft, aber wenigstens warm.
Februar 20, Dienstag
Witterung: trübe, leicht bewölkt
Abends 6 Uhr mit der