Tagebuch 1945
von Richard Pietraß
(geb. 1869 in Marczinawolla, Kreis Lötzen, Ostpreußen)

Vorbemerkung
Dieses Tagebuch wurde von Richard Pietraß handschriftlich in einem landwirtschaftlichen Hilfs- und Schreibkalender für das Jahr 1941 geführt. Er hat vorab die Wochentage mit denen von 1945 überschrieben. Jeder tägliche Eintrag beginnt mit der Beschreibung des für den Landwirt wichtigen Wetters, das Wort "Witterung" ist vorgedruckt. Hier zwei Seiten des Tagebuchs zur Anschauung.
Das handschriftliche Tagebuch wurde 2005 von Alfred Pietraß als Word-Datei abgeschrieben. Der Fluchtweg wurde von Martin Pietraß in historische Landkarten eingezeichnet. Damit kann beim Lesen des Tagebuchs der Fluchtverlauf auf der Landkarte nachvollzogen werden.

Januar 1, Montag
Witterung: trübe bei leisem Südwest, 5°-
Zu Hause, kein Besuch.

Januar 2, Dienstag
Witterung: leicht bewölkt, 10°-
Rest Grummet von Niedlitz geholt.

Januar 3, Mittwoch
Witterung: den ganzen Tag Schnee und Regen bei scharfem Südwest, 0°
1 Fuder Erbsenstroh nach dem Vorwerk, 1 Fuder Roggenstroh zurück. Erbsen gefuchtelt.
Auf dem Hof beschäftigt. Erich Grzybowski zu Besuch.

Januar 4, Donnerstag
Witterung: leicht bewölkt, mild bei Südwest, 0°
Gedroschen, Gemenge aus dem Giebfach, ca. 75 Ztr.
Alle 3 Frauen je 1 Tag.

Januar 5, Freitag
Witterung: zeitweise klar bei leisem Südwest, morgens 10°-, abends 5°-
Dreschen fortgesetzt, Gemenge beendet, 20 Ztr, Hafer 55.
Fr. Schinor, Mathis, Peilv, je 1 Tag.

Januar 6, Sonnabend
Witterung: schön bei Windstille, 6°-
4 Pferde in Rotwalde bei Fischer beschlagen.
Gemahlen ca. 35 Ztr, nachm. Häcksel geschnitten.

Januar 7, Sonntag
Witterung: schön bei leisem Südost, 5°-
Lisa, Gerda u. Bernhard mit Bahn zu Besuch.
Dr. Szomm abgereist, in der Nacht wieder zurück gekommem.

Januar 8, Montag
Witterung: trübe, leichter Schneefall, Windstille, 3°-
Kullick mit Fuhrwerk nach Lötzen Brennstoff holen u. in anderen Geschäften.
Rüben 2 Kasten für Schweine, Streustroh auf den Hof gebracht.
Kullick’s Sohn am 13.12.44 in Kurland gefallen.

Januar 9, Dienstag
Witterung: leichter Schneefall bei leichtem Ostwind, 3°-
Dung gefahren Schl. Br zur Vorfrucht.
Kullick wieder nach Lötzen.
Peter mit Fuhrwerk von Adlersdorf zurück.

Januar 10, Mittwoch
Witterung: trübe bei rauhem Südost, 3°-
Dungfahren fortgesetzt
Jean nach Lötzen zum Arzt
Dr. Szomm mit dem Frühzug von Milken abgereist.

Januar 11, Donnerstag
Witterung: Tauwetter bei Südost, 1°+
Dungfahren fortgesetzt
Jean krank.

Januar 12, Freitag
Witterung: klar bei leisem Ostwind, 1°–, tagüber schönes warmes Wetter
Dungfahren fortgesetzt.
Großoffensive der Bolschewisten an der Ostpr. Grenze bis Memel, Artilleriekampf Schloßberg, Ebenrode.
Jean krank.

Januar 13, Sonnabend
Witterung: morgens Nebel, leicht bewölkt, abends wieder Nebel, Windstille, tagüber mild, morgens 5°–
Klee aus dem Fach auf den Kuhstall, 5 Fuder
Sterke I gekalbt, Bullkalb.

Januar 14, Sonntag
Witterung: morgens Nebel, tagüber schön bei Südwind, 5°–
Zu Hause verlebt. Kullick aus Lötzen zurück
Sterke II gekalbt, Kuhkalb.

Januar 15, Montag
Witterung: nachts und bis Mittag Schnee, nachm. schön, 1°–
Dungfahren fortgesetzt.

Januar 16, Dienstag
Witterung: klar bei leisem Nordost, 13°–
Dungfahren fortgesetzt.
Den 4-jährigen Fuchs an die Wehrmacht abgegeben, Preis 205 RM, Geschirr 120 RM.

Januar 17, Mittwoch
Witterung: vorm. leicht bewölkt, 10°–, nachm. starkes Schneetreiben, 5°–
Rüben – hier gefahren.
Kullick aus Lötzen zurück.

Januar 18, Donnerstag
Witterung: vorm. klar, nachm. trübe, 4°–
1 Gefg. nach Mahlgut, Milken
1 Gefg. 20 Ztr. Kohlen für die Schule geholt.
Nachm. Rüben – hier gefahren.

Januar 19, Freitag
Witterung: wie vorher, bei scharfem Südwest, 4°–
Rüben – hier gefahren, 2 Kasten Rüben für Schweine.
Nachmittags: Aufruf vom N.S.V., Vorbereitung zum evtl. Flüchten, noch unbekannt wohin?

Januar 20, Sonnabend
Witterung: morgens trübe, tagüber klar bei Windstille, 1°–
Vorm. gemahlen, ca. 35 Ztr, Nachm. Häcksel geschnitten.

Januar 21, Sonntag
Witterung: wie vorher
Vorbereitung zur Flucht, 4 Wagen für die Leute, Gummiwagen mit Trecker für uns.

Januar 22, Montag
Witterung: trübe und mild
Um 10 Uhr mit Trecker u. Gummiwagen voll beladen über Rotwalde, Stürlack, Richtung Rastenburg, in Gr. Galbuhnen in der Schulklasse übernachtet. Die Pferdefuhrwerke nachm. geschlossen zu einem Troß losgefahren, Endstation Dirschau befohlen, aber nicht erreicht.

Januar 23, Dienstag
Witterung: trübe bei leisem Ostwind, 4°–
Um 8 Uhr weiter über Bartenstein, in Landsberg bei Frau Krause übernachtet. Frl. Gallonska früher bei Czybulka, Milken hier angetroffen. Zwischen Bartenstein und Landsberg Panne am Gummiwagen, 2 Stunden Aufenthalt, Schlauch geflickt. Unendlicher Zug von Flüchtlingen in Richtung Landsberg. Viersp. Wagen von großen Gütern aus dem Kreis Insterburg.

Januar 24, Mittwoch
Witterung: wolkig, tagüber Schneeschauer, 5°–
Um 6 Uhr trennten wir uns. Selma, Hilde und die beiden Kinder mit Autobus wollten schneller über Braunsberg über die Weichsel kommen, leider war es zu spät, alles gesperrt. Wir kamen über Mehlsack um 13 Uhr wohlbehalten in Mühle Wilknitt an.

Januar 25, Donnerstag
Witterung: zeitw. aufklärend, 6°–
Selma, Hilde u. die Kinder kamen nur bis Braunsberg, dann mit Schlitten bis Mehlsack, Hilde zu Fuß bis Wilknitt Fuhrwerk holen. Alle gesund angekommen, hocherfreut, daß wir wieder zusammen und vorläufig geborgen sind.

Januar 26, Freitag
Witterung: leicht bedeckt bei scharfem Südwest, 10°–
Der Feind rückt weiter vor, bei Marienburg u. Elbing starke Gefechte, überall traurige Gesichter.
Immer mehr Flüchtlinge treffen ein. 3 Wagen aus Mohrungen quartieren sich hier ein, Fr. Gutsbes. Liedtke u. Fr. Haack.

Januar 27, Sonnabend
Witterung: wie vorher, 10°–
Kanonendonner wird stärker, Feindflieger kreisen.

Januar 28, Sonntag
Witterung: trübe, zeitweise aufklärend, 10°–
Großer Andrang zur Mühle nach Brotmehl, sonst nichts von Bedeutung.

Januar 29, Montag
Witterung: wolkig, Neigung zu Schnee, 6°–
Kanonendonner hält an.

Januar 30, Dienstag
Witterung: starker Schneefall bei scharfem Westwind, 3°–
Wormditt vom Feind besetzt. Selma, Hilde u. Oma Berta sehr erregt wegen Lebensgefahr. Mühle hat wenig Wasser.

Januar 31, Mittwoch
Witterung: mild, Neigung zu Tauwetter, 0°
Schlechte Nachricht, Feind rückt bis an die Oder vor. Über Masuren wird im Heeresbericht nichts gemeldet.

Februar 1, Donnerstag
Witterung: Tauwetter mit Regen, 3°+
Hilde, Minna u. ich zu Fuß in Schlepstein, dort alles voll Soldaten und Flüchtlinge.

Februar 2, Freitag
Witterung: Tauwetter hält an, 4°+
Mühle bekommt Wasser, Müller Hugo mahlt fleißig Brotmehl, da großer Bedarf. Königsberg von Norden u. Süden vom Feind bedrängt. Fortgesetzter feindlicher Angriff in Schlesien bis in die Nähe von Küstrin.

Februar 3, Sonnabend
Witterung: mild, morgs. Nebel, 6°+
Ostpreußenwerk Königsberg liefert keinen Strom, Mühle Lichtenfeld außer Betrieb.

Februar 4, Sonntag
Witterung: klar und mild, Frühlingswetter
Mittags kreisen mehrere feindliche Flugzeuge um uns. Plötzlich krachen die Bomben auf der Chaussee bei Wilknitt auf einen Troß von Flüchtlingen, ca. 20 Einschläge, 2 Tote, mehrere Verletzte u. 9 zerrissene Pferde u. Wagen liegen neben der Straße.

Februar 5, Montag
Witterung: mild 4°+
Die Mühle klappert. Kanonendonner hält an. Immer kommen noch Flüchtlinge u. Soldaten mit Pferden.

Februar 6, Dienstag
Witterung: Tauwetter hält an mit Regen u. Nebel, Schnee zum größten Teil weg.
Um 10 Uhr abends kam Lisa mit ihren 4 Kindern u. Christel als Kutscher völlig ermattet hier an. Ein trostloses Bild!

Februar 7, Mittwoch
Witterung: Tauwetter
Befehl vom Bartker Bürgermeister: alle Flüchtlinge in Richtung Heiligenbeil abfahren.
Christel ließ das Fuhrwerk hier und ging zu Fuß zu ihren Angehörigen, die in Lichtenfeld mit 4 Wagen warten und nicht wissen, wo sie weiterkommen.

Februar 8, Donnerstag
Witterung: trübe, Nebel, mild
Schw. Gustav’s Geburtstag. Selma, Hilde, die beiden Kinder, Oma Berta und Lisa mit Kindern auf Gummiwagen u. Trecker Richtung Heiligenbeil abgefahren. Ein trauriges Abschiednehmen! Von Lüdtkenfürst nach Heiligenbeil weitergefahren. Kerschling mit 2 Wagen um 13 Uhr hier angekommen, um ein Unterkommen zu suchen. Hier unmöglich, da jeder Raum mit Soldaten u. Pferden belegt ist. Nach 2 Stunden Aufenthalt fuhr er zurück nach Lichtenfeld.

Februar 9, Freitag
Witterung: Tauwetter hält an
Minna u. ich Spaziergang nach Gut Wilknitt. Im Weidegarten neben den Insthäusern ca. 300 Stück Kühe u. Jungvieh zusammengetrieben. Das arme Vieh brüllt nach Futter u. kommt allmählich um.
v. Steegen-Denkmal besehen: Ein einfacher großer Feldstein mit folgender Inschrift: Hubertus von Steegen, letzter Fideikommiß, Herr von Wilknitt, gefallen am 23. Januar 1943 in Stalingrad.

Februar 10, Sonnabend
Witterung: Tauwetter
Alle Zimmer mit Ausnahme von 2 Schlafzimmern mit Soldaten belegt, auch über 60 Pferde sind untergebracht, die den Heuboden leerfressen. Else Schulz mit Schwager Wiek auf Wagen Richtung Heiligenbeil geflüchtet.

Februar 11, Sonntag
Witterung: mild, morgens etwas Schnee, tagüber schön
Alle Soldaten u. Pferde um Mitternacht in Richtung Zinten abgezogen. Großes Reinemachen im Hause.
Um 15 ½ Uhr ist Schwager Gustav in der Nähe seines Insthauses durch einen Fliegerangriff mit Bordwaffen beschossen u. sofort getötet, Toni lag etwa 3 Meter neben ihm in Deckung, blieb glücklicherweise unverletzt. Er wurde 3 Stunden später in seinem Garten unter Lebensbäumen begraben. Minna u. ich zugegen.

Februar 12, Montag
Witterung: morgens kl. Schneefall, tagüber trübe u. Nebel
Um 11 ½ Uhr flüchten wir auf einem Kastenwagen über Wohlau auf schlechten Landwegen nach Hohenfürst zu Gustel und Berta. Hugo Schulz u. Haustochter Betty fuhren bis Lüdtkenfürst, um bei seinen Eltern das Fuhrwerk unterzubringen. Toni, Minna u. ich blieben bei den Schwestern zur Nacht.

Februar 13, Dienstag
Witterung: morgens trübe, tagüber aufklärend, 1°–
Auch hier in Hohenfürst voll Flüchtlingen und Soldaten. Den Schwestern steht nur die Küche u. das kl. Schlafzimmer zur Verfügung. Hier noch eine Nacht. Von 2 Seiten entfernter Kanonendonner zu hören. Zinten wird beschossen.

Februar 14, Mittwoch
Witterung: Nebel, tagüber trübe u. Schnee
Von Hohenfürst bis Sonnenstuhl. In einer Gutsscheune schlecht geschlafen. Der Sonnenstuhl liegt links von der Chaussee tief im Tal von Wald umgeben. Mühle Bahnau, wo Ernst 1924 als Müllerlehrling tätig war.

Februar 15, Donnerstag
Witterung: aufklärend, morgens recht kalt, 3°–
Auf sehr schlechten Wegen zeitweise über Bruch nähern wir uns dem Haff. In Rittergut Klenau in einem Scheunenfach auf Heu besser geschlafen. Die Fahrt ging durch Braunsberg, kaum haben wir B. verlassen, kamen russische Flieger, die Stadt zu bombardieren. Starke Rauchwolken u. Feuer sichtbar.

Februar 16, Freitag
Witterung: wolkig u. windig
Von Klenau ging es mit großen Unterbrechungen auf’s Haff. Das Eis kaum 20 cm stark, stellenweise müssen Löcher, die sich bei dem riesigen Verkehr bilden, umfahren werden. Fliegerangriff mit Bordwaffen. Die Nacht auf dem Eis zugebracht. Wie einem da zu Mute ist, ist nicht zu beschreiben.

Februar 17, Sonnabend
Witterung: etwas besser
Die zweite Nacht auf dem Eise. Auf der Fahrt von feindlichen Fliegern beschossen. Ein Geschoß etwa 10 m von unserem Fuhrwerk vorbeigepfiffen. Vor uns 2 Pferde u. ein Polizist tot, mehrere Verletzte. Tote Pferde u. eingebrochene Wagen zu beiden Seiten auf dem Eiswege.

Februar 18, Sonntag
Witterung: trübe, nicht zu kalt. Den ganzen Tag auf dem Eise. Abends endlich wieder Land, da atmen wir auf. In einem Fischerdorf auf dem Schulhof übernachtet. Auf dem Haff durch Zufall mit Tolkmitt’s, Schlepstein zusammengetroffen. Beim Beschuß durch Artillerie wurde der alte Thal am Arm stark verwundet.

Februar 19, Montag
Witterung: wolkig, mild
Wir nähern uns der Weichsel. In einem Kinosaal übernachtet, Massenunterkunft, aber wenigstens warm.

Februar 20, Dienstag
Witterung: trübe, leicht bewölkt
Abends 6 Uhr mit der Fähre übergesetzt und drüben übernachtet. Unglaublich, was Mensch und Pferd aushält bei der schlechten Ernährung.

Februar 21, Mittwoch
Witterung: klar bei leisem Südwest
In Bohnsack vor der zweiten Fähre übernachtet. Hinter der Fähre ging es flott über Danzig-Langfuhr bis Oliva. Hier auch gut bei einer alten Dame übernachtet.

Februar 22, Donnerstag
Witterung: trübe
3 km hinter Gotenhafen (Gdingen) in Kielau übernachtet. Minna u. Toni bei einer Dame, ich auf dem Wagen, schreckliche Nacht für mich.

Februar 23, Freitag
Witterung: zeitweise klar, scharfer Südwest
Neustadt erreicht, in einer Schulklasse übernachtet.

Februar 24, Sonnabend
Witterung: nachts etwas Schnee, tagüber bewölkt, aber schön bei Windstille
Ca. 10 km vor Lauenburg auf Gut Hammersfelde übernachtet, die erste Stelle, wo Pferde unter Dach kamen. Wir schliefen im warmen Raum in sitzender Stellung.

Februar 25, Sonntag
Witterung: wolkig bei scharfem Südwest, gegen Abend Regen.
Um 2 ½ Uhr Lauenburg durchfahren, auf einem Gut bei Neuendorf übernachtet. Pferde kamen unter Dach. Das Gut heißt Lischnetz, hat Brennerei und gute massive Gebäude.

Februar 26, Montag
Witterung: morgens trübe u. Regen, tagüber wolkig, aber ohne Niederschläge
Des schlechten Wetters wegen, auch wegen Erkrankung der Tolkmitt’schen kl. Kinder, Fahrt unterbrochen. Für die müden Pferde eine Wohltat.

Februar 27, Dienstag
Witterung: aufklärend, Westwind
Auf einem großen Gut Dumrese übernachtet. In einem Saal bei stickiger Luft schlecht geschlafen.
Tonis Geburtstag, Geburtsjahr 1890. Der kleine Gustav Tolkmitt infolge Entbehrungen gestorben und dort begraben.

Februar 28, Mittwoch
Witterung: morgens Nebel, später klar bei scharfem Westwind
In Neu Paalow, 14 km vor Schlawe bei einem kl. Bauer Strauß gut übernachtet. Im Wehrmachtsbericht heißt es: Die Bolschewisten dringen in Pommern nach Norden vor. Russische Flieger über Berlin, und wir fahren dem Feind entgegen.

März 1, Donnerstag
Witterung: wolkig, um 11 Uhr Regen bei Weststurm
In Altschlawe bei einem Bauer gut untergebracht, Name Roggatz. Der Vater von Herta Tolkmitt, Domnowski hier gestorben und beerdigt. Toni und Minna waren zur Beerdigung.

März 2, Freitag
Witterung: wolkig, nachts etwas Schnee, morgs. 1°–
Wir sind hier 4 km vor Schlawe. Weiterfahrt nicht möglich, da Russen vordringen nach der Ostsee. Also hier abwarten bis Befehl kommt, wohin. Altschlawe ist ein schönes großes Kirchdorf, wo auch Mehl, Butter und andere Lebensmittel zu haben sind.

März 3, Sonnabend
Witterung: leicht bewölkt, zeitw. klar, morgs. 1°–
Mittags Befehl vom Bürgermeister: Wegen Einquartierung von Soldaten alle Flüchtlinge räumen u. zwar zurück nach Neupaalow. Nach langen Verhandlungen mit Wehrmacht u. Bürgermeister können wir vorläufig weiter bleiben. Da Mühle und Bäckerei am Ort, sind wir mit Brot gut versorgt.

März 4, Sonntag
Witterung: wolkig bei leisem Westwind
Ein ruhiger Sonntag. Toni und Minna zur Kirche gegangen.
Wehrmachtsbericht: Der Russe dringt von Schiwelbein nach Rügenwalde vor.

März 5, Montag
Witterung: zeitw. klar, abwechselnd Schneeschauer
Noch in Altschlawe geblieben. Morgen geht’s weiter, da hier Räumung befohlen.
Die Flüchtlinge müssen vorher raus.

März 6, Dienstag
Witterung: wolkig ohne Niederschläge, abends Schnee
Um 10 Uhr Richtung Stolpmünde losgefahren. In Marsow schwer unterzukommen, da alles überfüllt von Flüchtlingen. Nach langem Bemühen in einem kl. Haus, Poststelle übernachtet. Pferde im Spritzenhaus untergebracht.

März 7, Mittwoch
Witterung: nachts und tagüber starke Schneeschauer
Vom Marsow zurück, da nach Stolpmünde die Straßen mit Flüchtlingen verstopft, in Richtung Stolp.
In Kl. Brüskow um 2 ½ Uhr nachm. Rast gemacht, da Pferde schon müde. Hier ist auch Räumung befohlen. Die Leute verlassen nach und nach ihre Höfe.

März 8, Donnerstag
Witterung: wolkig bei scharfem, kaltem Norwestwind
Gestern von Kl. Brüskow abends losgefahren, bei einem kleinen Bauer notdürftig untergekommen, da von Flüchtlingen überfüllt. Die Gegend vor Stolp ist von Russen besetzt, Flüchtlinge Richtung Lauenburg befohlen. Bauer Struck, Wissowatten getroffen.

März 9, Freitag
Witterung: morgens Schnee, tagüber schön.
Wir sind vom Feinde eingeschlossen und fahren einige km zurück. Auf der Chaussee den ersten Russenpatrouillen begegnet, aber nicht angehalten. In einer Siedlung in Gr. Machmin gut untergekommen. Besitzer geflüchtet, eine aus Stolp bekannte Familie Lenz war schon hier. Wir betreuen 10 Stück Vieh und 12 Schweine. Die Siedlungen sind schön ausgebaut, Größe 70 Morgen.

März 10, Sonnabend
Witterung: vorm. trübe, mittags Regen
Die Siedlerfrau Braun kam in ihre Wohnung zurück. Uns gestattet sie hier zu bleiben, bis sich Gelegenheit findet weiter zu kommen. Die Russen tun der Bevölkerung nichts, nur die Wertsachen Uhren, Ringe nehmen sie weg. Herr Lenz musste seine Uhr geben. Als wir kamen, waren die Russen schon weg. Lenzens sind nachm. nach Stolp zurückgegangen. Die Frau gab Toni ihre Adresse u. hat uns ein Zimmer in ihrer Wohnung zugesagt. Das russische Heer zieht stundenlang auf der Chaussee in Richtung Stolp.
Adresse: Eugen Lenz, Stolp, Holzentormauerstr. 16.

März 11, Sonntag
Witterung: wolkig bei Windstille, morgens 3°–, nachm. aufklärend
Ein schöner stiller Sonntag. Abends 8 Wagen mit Flüchtlingen eingetroffen und den kleinen Hof überfüllt, Schlafstellen im Kuhstall. Wir sind in einer kleinen Oberstube gut untergebracht. Eine persönliche Unterhaltung mit den Russen haben wir bis heute nicht gehabt.

März 12, Montag
Witterung: den ganzen Tag dichter Nebel bei Westwind
Frau Braun jammert wegen der Massen Menschen, die noch länger bleiben wollen.

März 13, Dienstag
Witterung: derselbe düstere windige Tag
3 Flüchtlingswagen sind heute vorm. abgefahren. Oma Minna’s Geburtstag traurig verlebt.

März 14, Mittwoch
Witterung: wie vorher
Die anderen Flüchtlinge blieben noch. Sonst nichts von Bedeutung. Die Flüchtlinge wurden nach Namen, Geburtstag und Ort aufgenommen.

März 15, Donnerstag
Witterung: dasselbe stürmische, neblige Wetter
Um unsere bescheidene Wirtschaft zu verbessern, haben wir uns von einem Siedler ein 80 Pfund schweres Schweinchen geschlachtet. Das haben wir Oma Minna zu verdanken, die das Ferkel besorgt hat. Die Stadt Stolp soll ohne viel Kampf von Russen besetzt sein. Wie wird uns weiter ergehen?

März 16, Freitag
Witterung: dieses stürmische rauhe Wetter nimmt kein Ende, mittags Regen.
Vormittags wurden alle Kühe der Siedler und sämtliche Pferde von Siedlern und Flüchtlingen nach dem Gut hinter dem Dorf Gr. Machmin abtransportiert. Das Bitten der Siedlerfrauen, eine Kuh für kl. Kinder zurückzulassen, wurde schroff abgelehnt.

März 17, Sonnabend
Witterung: zeitw. aufklärend, rauhe Luft
Überall traurige verzagte Gesichter. Sonst nichts von Bedeutung.

März 18, Sonntag Witterung: klar bei leisem Südwest, Nachtfrost 2°–
Toni, Minna u. ich Pferdebohnen gesammelt, wo ein Bohnenberg stand, um für Montag eine Mahlzeit zu haben.
Bis zum Abend kein Russenbesuch.

März 19, Montag
Witterung: nachts klar u. frostig, starker Reif, tagüber wolkig
Schreckliche Nachtstörung: Um 10 ½ Uhr nachts erschienen mit großem Gepolter 2 bewaffnete Russen und suchten nach jungen Mädchen. Frl. Betty wurde von ihrem Lager gehoben, musste schnell in ihre Kleider, unten in der Stube warf ihr der Russe einen fremden Mantel über. Mit 3 anderen Flüchtlingsmädeln wurden sie auf einem Wagen in eine andere Siedlung gebracht, wo sie übernachteten. Morgens wurden sie entlassen.

März 20, Dienstag
Witterung: vorm. trübe u. Regen, nachm. klar, Weststurm
Nachts um 10 Uhr dasselbe schreckliche Manöver. Betty ging mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft, um sich bei einer anderen Familie in Sicherheit zu bringen. Umsonst, sie wurden dort aufgefunden u. hat die Nacht mit den Unholden zugebracht. Nachm. kamen einige Russen mit Fuhrwerk und holten sämtliches Futtergetreide ab. Außerdem durchwühlten sie unsere Koffer, um angeblich nach Waffen zu suchen; nur 2 Kerzen nahmen sie mit, sonst nichts.

März 21, Mittwoch
Witterung: stürmisches rauhes Wetter
Immerwährende unverschämte Belästigungen durch Russen u. Polen. Ein Pole stahl Hugo seine Lederweste. Als er den Dieb energisch zur Rede stellte, gab er die Jacke wieder. Dreimal in der Nacht wurden wir von den Tieren in Menschengestalt belästigt. Der eine von ihnen, der Betty bereits kannte, rief uns zu: „Schnell sagen wo Betty ist.“ Diesmal fanden sie sie nicht.

März 22, Donnerstag
Witterung: vorm. klar, später trübe
Dieselbe aufregende Besuche wie am Vortage. Bei den anderen Flüchtlingen wurden Koffer aufgerissen u. durchsucht. Fortwährende Nachfrage nach Uhren und Ringen, wertlose Sachen nahmen sie nicht. In der Nacht erging es uns ebenso. Alle Koffer und Handtaschen aufgerissen und wertvolle Sachen mitgenommen. Hugos u. meine Lederjacke, sowie mein gutes Rasiermesser sind weg, auch Willy’s beide Uhren.

März 23, Freitag
Witterung: Frühlingswetter klar und mild.
Hugo ist heute zur Arbeit beordert. Am Tage häufige Besuche der Russen. Nachts 10 Uhr drangen wieder 3 Kerle in unser Zimmer ein, mit der Frage wo Betty ist. In dem Lager der anderen Flüchtlinge im Stall haben sie dann getobt wie Unmenschen und auch Betty gefunden, die sich schon sehr elend fühlt. Hugo ist zur Nacht nicht gekommen.

März 24, Sonnabend
Witterung: wunderbares Wetter bei Windstille
Wieder dieselben Besuche, beritten u. zu Fuß. Frau Braun muß heute das letzte Raufutter hergeben.
Hugo ist abends eingetroffen, er erzählt seine Erlebnisse: Dung fahren und Wagen reparieren. Betty’s Verehrer hat sie heute abends eifrig gesucht und nach einer anderen Siedlung mitgenommen, jetzt lacht sie nicht mehr. Die Nacht verlief glücklicherweise ruhig.

März 25, Sonntag
Witterung: wolkenlos bei leisem Südost
Ein schöner stiller Sonntag, auch die Nacht war ungestört.

März 26, Montag
Witterung: ein herrlicher klarer Frühlingstag
Keine Belästigung durch die Russen. Ich machte einen Spaziergang nach dem 1 ½ km entfernten staatlichen Wald. Ein schöner Buchenwald mit wenig Kiefernbestand wurde im Winter durchforstet, ca. 100 Rmtr Brennholz u. mehrere Festmeter Langholz bis 21 m lang liegen zum Verkauf bereit. 2 Rehe im Wald angetroffen.

März 27, Dienstag
Witterung: dasselbe schöne warme Wetter
Die Siedler möchten den trockenen Lehmboden gern ackern, leider fehlen ihnen die Gespanne, kein Pferd, kein Geschirr da. Wieder Russenbesuch in der Nacht. Hugo brachte 2 Schweinsköpfe von den Schweinen, die er im Dorf für die Russen geschlachtet hat.

März 28, Mittwoch
Witterung: schön bei leisem Westwind, kühl
Heute mittags wiederholt unsere Koffer aufgerissen und nach Wertsachen durchsucht. Schreckliche Nacht fast ohne Schlaf. Zweimal kamen die Unholde nach jungen Frauen u. Mädchen zu suchen.

März 29, Gründonnerstag
Witterung: vorm. schön, nachm. Regen.
Befehl vom Bürgermeister: Alle Einwohner und Flüchtlinge morgen ab 10 Uhr Gr. Machmin räumen. Nun ist guter Rat teuer, wie ohne Fuhrwerk wegkommen. Um 14 Uhr Versammlung im Dorf anberaumt u. bekannt gegeben, dass Frauen mit Kindern u. Greise mit Lastauto weggebracht werden.

März 30, Karfreitag
Witterung: nachts starker Regen
Um 10 Uhr machen wir uns auf den traurigen Weg. Hugo mit der Schiebkarre und jeder von uns bepackt mit Rucksäcken und Koffern. Nach einem schwierigen Marsch kamen wir ins Dorf an eine Stelle, wo uns das Lastauto abholen sollte. Um 7 Uhr abends kam der Bürgermeister mit 4 Russen u. Dolmetscher mit dem Befehl, in einer Stunde alles zu räumen. Mit großer Aufregung kamen wir bis zu der zerstörten Wassermühle, wo wir notdürftig im Schweinestall übernachteten.

März 31, Sonnabend
Witterung: morgs. noch etwas Regen, später aufklärend
Wir pilgern unter größter Anstrengung, da die Koffer schwer sind, weiter und erreichen um 12 Uhr das Dorf Bedlin. Hier sind wir bei einem Schlächter vorläufig untergebracht, haben ein Zimmer mit Sofa, 2 Klubsesseln u. Chaiselongue und ruhten uns gut aus. Gestern abends auf dem Hof der zerstörten Mühle traf ich den Bauer Pottchull aus Misken, habe mich lange unterhalten.

April 1, Ostersonntag
Witterung: den ganzen Tag Regen
Vormittags wurden wir angeblich zum Kommandanten gerufen. Als wir auf dem Hof erschienen, kommandierte ein Russe die Jüngeren sofort zur Arbeit. Toni, Betty zum Aufräumen von alten Brettern, Hugo mit dem Spaten. Ich wurde als minderwertig zurückgeschickt.

April 2, Ostermontag
Witterung: Regen bei Weststurm
Ein recht trauriges Osterfest. In der Dämmerung erschien eine Menge Russen und suchten Nachtquartier. In unserem engen Zimmer lagen 7 auf den Dielen, als Unterlage Mäntel und Decken, in den Klubsesseln je 1 stänkriger Kerl. Die Luft im Zimmer?? Frau Stubbe sen. bekam gegen Abend einen Schlaganfall. Toni hält Nachtwache bei ihr und bemüht sich auch tagüber der Kranken beizustehen.

April 3, Dienstag
Witterung: noch zeitw. Regen
Nichts von Bedeutung. Auch eine ruhige Nacht. Unsere Zimmergefährtin Frau Berta Lawrenz von der Westsiedlung Gr. Machmin holte aus ihrer verlassenen Wohnung Fleisch u. andere Lebensmittel und teilte mit uns, dafür ißt sie mit uns zusammen. Heute holten die Russen die Klubsessel weg.

April 4, Mittwoch
Witterung: vorm. Regenschauer, nachm. klar
Bis Mittag noch alles ruhig. Um 13 Uhr kamen 3 Russen und verlangten die sofortige Räumung der Stubbe’schen Wohnung. Hugo u. Betty mussten schleunigst ihre Sachen packen, um uns zu verlassen, vielleicht auf immer! Wir u. die anderen Flüchtlinge mit Kindern standen an der Chaussee und warteten auf das von den Russen versprochenes Fuhrwerk vergebens u. blieben noch hier. Tonis Hochzeitstag 1918.

April 5, Donnerstag
Witterung: zeitw. bewölkt, sonst schön
Am Tage alles ruhig, wir können weiter hier bleiben. Nächtliche Störung durch einige Russen, die nach jüngeren Frauen und Mädchen suchten, diesmal gingen sie unbefriedigt wieder ab. Toni bemüht sich dauernd der Schwerkranken beizustehen und hilft auch sie reinzuwaschen.

April 6, Freitag
Witterung: morgens Nebel, tagüber kühl bei leisem Nordwind.
Stundenlanger Zug von berittenen Russen mit angehängten Pferden und Fahrzeugen, bespannten Geschützen u. ca. 10 Panzern in Richtung Stolp. Sonst tagüber ruhig. Um 1 Uhr nachts ist Frau Stubbe gestorben.

April 7, Sonnabend
Witterung: klar bei leisem Nordwest
Die Verstorbene wurde in einem primitiven Sarg, der aber durch Tonis und Minnas Hilfe mit Tannen u. anderem Grün geschmückt war, um 10 Uhr zur letzten Ruhe gebettet. Toni hat am Sarge ein längeres Gebet vorgelesen, was recht feierlich war und die Angehörigen der Verstorbenen befriedigte, in Ermangelung eines Geistlichen.

April 8, Sonntag
Witterung: morgens noch Reif, leicht bewölkt, kühl
Von 7 Uhr morgens bis nachm. 4 Uhr dauernd Truppenverschiebung einiger russischer Regimenter mit Musikcorps, aber ohne Artillerie. An unserem Hause spielte die Musik Märsche u. ließ die Truppe vorüberziehen: In Richtung Stolp. Im Hause keine Störung tagüber, auch nachts Ruhe.

April 9, Montag
Witterung: morgs. Nebel, tagüber schön
Frau Lawrenz, Fr. Breit u. ich von der 2 km entfernten Mühle Machmin Brotmehl geholt. Ich bekam für 3 Personen 30 Pfund, morgen wird gemeinsam gebacken. Kaum waren wir auf unserem Nachtlager, als eine Kolonne L.K.W. vor dem Hause hielten und viel Radau machten, manche verlangten Trinkwasser. Uns ließen sie in Ruhe, aber die Nacht war gestört.

April 10, Dienstag
Witterung: morgs. tauig, tagüber kühl.
Vormittags Russen in Kompaniestärke mit Gesang vorbeigezogen, nachm. wieder zurück im Marschtempo. Von den Stubbes jun. Bettgestell u. Betten beschlagnahmt. Die Nacht war ruhig. Minna und Frau Lawrenz holten aus dem nahen Wald trockene Äste zum Brotbacken. Die Backöfen werden hier mit Strauch geheizt.

April 11, Mittwoch
Witterung: klar u. warm bei leisem Nordwest
Einige Male am Tage kamen Russen, um Frauen zur Arbeit in das Gut nebenan zu holen. Es soll zum bevorstehenden Osterfest am 13.4. im Gutshaus sauber gemacht werden, auch der Hof. Wieder eine schreckliche Nacht: Zweimal je 4 Unholde haben uns die Ruhe gestört. Die Koffer und Rucksäcke alle durchsucht. Als die 5 Kinder im Nebenzimmer zu schreien anfingen, hörten sie sofort auf und zogen schleunigst ab. Ein Zeichen, daß das Plündern auch bei den Russen verboten ist.

April 12, Donnerstag
Witterung: morgs. starker Reif, tagüber schön warm bei klarer Luft u. Windstille
Wieder stundenlanger Durchmarsch russischer Truppen in Richtung Stolp. Da die Chaussee dicht an unserem Fenster vorbeiführt, hat man eine Vorstellung vom guten Pferdematerial der Bolschewisten. Die Kavallerie mit langen Säbeln in schwarzen Scheiden u. blankem Beschlag. Kopfbedeckung schwarze runde Pelzmützen. Heute wurde Rind- und Schweinefleisch an die Flüchtlinge verteilt. Wir bekamen eine gute Portion. Keine Störung in der Nacht.

April 13, Freitag
Witterung: morgs. noch Reif, sonst schön u. warm
Heute sind trotz der vielen Flüchtlingen noch 11 Russen einquartiert. Das größte Zimmer haben sie als Schlafraum belegt. Die Frauen müssen Flinsen backen u. Fleisch kochen, das sie mitgebracht haben. Es ist die Bedienung von 3 L.K.W., die immer noch mit Rohöl fahren. Die Kerle benahmen sich sehr anständig. Ich habe mich in polnischer Sprache gut unterhalten. Die Nacht war ruhig.

April 14, Sonnabend
Witterung: nachts kl. Regen, tagüber schön aber kühl, gegen Abend Schneeschauer
Um 13 Uhr wurden wir alle nach dem Gutshof befohlen. Dort wurden die Namen aus einer Liste verlesen und festgestellt, wieviel Kinder zur Familie gehören und wer noch zur Arbeit herangezogen werden kann. Unserem Hausherrn Stubbe wurde auf der Fahrt nach Stolpmünde kurz vor der Stadt das einspännige Fuhrwerk weggenommen. Er mußte mit seinem kranken Sohn ca. 13 km zu Fuß wandern.

April 15, Sonntag
Witterung: morgens noch Reif, klar bei Nordwind
Die hier einquartierten Russen sind mit ihren L.K.W.s morgens weitergefahren in Richtung Stolp. Minna u. Fr. Lawrenz sind zur Siedlung gegangen, um aus ihrer Wohnung noch etwas zu retten. Sie brachten etwas Fleisch u. Geschirr aus der Küche mit. Sonst ein stiller Sonntag.

April 16, Montag
Witterung: schön bei milder Luft.
Zwei Russen kamen in unser Zimmer, um sich mit mir in polnischer Sprache zu unterhalten. Sie sprachen über den damaligen tiefen Einbruch der Deutschen in Rußland und über manche Übergriffe, die an der russischen Bevölkerung verübt wurden. Wir sollen uns nicht wundern, wenn das jetzt von ihnen vergolten wird. Sie verabschiedeten sich ganz höflich von uns. Die Nacht verlief auch ruhig.

April 17, Dienstag
Witterung: wie vorher
Es ist ein Jammer, daß bei dem schönen Wetter nicht geackert u. gesät werden kann. Wie wird es in Zukunft mit der Verpflegung? Wieder Befehl zur Arbeitseinteilung nach dem Gutshof. Jeder Arbeitsfähige hat sich morgens zu melden, die Kranken haben sich zu entschuldigen. Toni liegt auf der Chaiselongue, da kommt ein Russe zu der „Kranken“, befühlt den Puls und zieht ihr den Ring vom Finger. Mir gab er etwas Tabak ab als Entgelt. Die Nacht war ruhig.

April 18, Mittwoch
Witterung: leicht bewölkt, mild bei Windstille
Die ganze Nacht bis zum Morgen ununterbrochen Truppenbewegung in Richtung Stolp. Toni ist mit den anderen Flüchtlingsfrauen zur Arbeit gegangen, sie ist mit leichteren Arbeiten beschäftigt. Zu Mittag gab’s Klopse u. eine gute Milchsuppe, so reichlich, daß es für uns 4 Personen reichte. Die Russen sind von Bedlin abgezogen, nur eine Besatzung mit paar Offz. blieb zurück, auch die Telefonleitung ist abgenommen.

April 19, Donnerstag
Witterung: nachts Regen, tagüber schön
Toni ist wieder zur Arbeit. 4 Russen u. 2 junge Frauen zu ihrer Bedienung sind in die Oberstube u. in unser Zimmer eingezogen. Wir mußten sofort mit all unserm Kram raus. Ich durfte mein Sofa, das in ein anderes Zimmer umgestellt wurde, behalten. Toni schläft auf einer Chaiselongue in Stubbes Schlafzimmer, Minna u. Fr. Lawrenz auf den Dielen bei Seegebrecht. Die Nächte sind jetzt ruhig.

April 20, Freitag
Witterung: wolkig bei Nordwest, kühl
Die Russen haben 2 Reitpferde u. ein zweispänniges Fuhrwerk. Auf der Oberstube, wo sie logieren, ist Telefonanschluß und ein Rundfunkgerät eingebaut, sogar ein Sender. Der Feldwebel und die 3 Mann sind ruhige Leute. Toni bekam heute eine schmackhafte süße Weizenmus-Suppe, die für uns drei gut reichte, von den beiden Frauen. Sie haben sich in ihr Schicksal gefügt u. sind mitunter noch vergnügt, nur mit der Bekleidung hapert es.

April 21, Sonnabend
Witterung: nachts u. vorm. kl. Regen, nachm. klar
Heute wird hier Brot gebacken, Toni übernimmt mit Frau Stubbe das Kneten, Herr Stubbe heizt den großen hier üblichen Backofen mit Strauch, das dauert 1 ½ Stunden, im Winter 2 Stunden. Minna war an Tonis Stelle vorm. zum Kartoffelschälen.

April 22, Sonntag
Witterung: zeitw. leichte Regenschauer
Gestern abends machten die Russen Radau in ihrem Zimmer, nachdem sie sich ordentlich bekneipt hatten. Sie verlangten immer mehr Schnaps. Ihre Damen gaben ihnen nicht, sondern verließen unbemerkt das Haus. Da war die Nachtruhe bis Mitternacht gestört. Am Tage alles ruhig. Die beiden Frauen kamen mittags wieder zurück.

April 23, Montag
Witterung: abwechselnd klar u. bewölkt bei leisem Nordwest
Die Russen sorgen für Fleisch: Ein 2 Ztr. Schwein u. 2 Zuchtgänse. Von den Gänsen bekamen wir das Gekröse u. die Eier u. hatten heute gutes Mittagessen. Toni ist jetzt stets vor- u. nachmittag bei der Arbeit in der Gutsküche. Sie bekommt dann eine Suppe mit etwas Fleisch zu Mittag, die wir dann gemeinsam essen.

April 24, Dienstag
Witterung: Klar bei kaltem Nordwest
Heute mittags wieder große Aufregung. Einige Russen zusammen mit Polenjungens gingen von Haus zu Haus, um nach vergrabenen Kleidern u. anderen Wertsachen zu suchen. Herrn Stubbe haben sie so lange bearbeitet u. bedroht, bis er ihnen zeigte, wo er seine guten Sachen versteckt hat, die sie ihm auch wegnahmen. Den jungen Stubbe haben sie über seine Militärzeit verhört und ihm fortwährend eine SS Uniform vor die Nase gehalten mit der Frage, ob sie ihm gehört. Toni ist den ganzen Tag in Arbeit.

April 25, Mittwoch
Witterung: klar bei leisem Westwind, morgs. starker Tau
Es wird hier noch nichts geackert. Ein Jammer, daß die Felder unbestellt bleiben. Sonst ein schöner ruhiger Tag.

April 26, Donnerstag
Witterung: wie vor, morgens noch Reif
Bei einem Spaziergang längs der Chaussee fand ich in einer Feldscheune aus dem Fach ausgegrabene Standesamtsbücher von Bedlin. Ich teilte das dem alten Stubbe mit u. beauftragte 2 Jungens, die Bücher auf den Hof zu bringen. Das haben die hier befindlichen Russen aus dem Fenster beobachtet und es als etwas Spionageverdächtiges vermutet. Daraufhin haben sie Stubbe ins Verhör genommen, ob er noch was Wichtiges versteckt habe. Bei der Durchsuchung des Backhauses fanden sie noch etwas von versteckten Kleidern, die restlos weggenommen wurden.

April 27, Freitag
Witterung: klar bei leisem Südwind, recht warm
Der gestrige Tag ist noch in Erinnerung, wie man als Gefangener in jeder Beziehung vorsichtig sein muß. Die Standesamtsregister wurden als nicht Verdächtiges wieder fortgeschafft. Der schöne Frühlingstag verlief ganz ruhig, aber die Sehnsucht nach der Heimat ist groß. Toni geht recht gefaßt zu ihrer ständigen Arbeit. Die Beschäftigung hilft zur Überwindung des Heimwehs.

April 28, Sonnabend
Witterung: nachts Regen, tagüber trübe
Stubbe gräbt den Acker zu Frühkartoffel um und mit 1 Pferd Fuhren gemacht. Gegen Abend ist Betty unerwartet aus ihrer Gefangenschaft in Stolp zurück. Die ca. 150 weiblichen Internierten wurden in eine Kaserne unter steter Bewachung ohne jegliche Beschäftigung gehalten u. abwechselnd vernommen. Das Lager und die Kost sehr mangelhaft, Läuse hatten sie alle. Vor der Entlassung wurden sie entlaust. Betty geht hier in Arbeit u. bekommt auch ihr Brot u. Mittag.

April 29, Sonntag
Witterung: nachts starker Regen, tagüber trübe
Herr Stubbe sen. war heute trotz des rauhen Wetters recht fleißig, hat 20 Ztr. Kartoffeln gesetzt u. zugescharrt. Frau Stubbe hat ihren Gemüsegarten auch bestellt. Die Polen aus dem Gutshaus säen auf dem Gemüseacker am Fluß unter Aufsicht des Gutsgärtners Gemüse ein. Zur Maifeier wird im Hof allerhand vorbereitet. Dies unsinnige Schmücken mit kl. Tannen, die aus Schonungen fuhrenweise geholt wurden, ist eine maßlose Vernichtung des schönen Tannenwaldes.

April 30, Montag
Witterung: leicht bewölkt, kühl bei Südwest
Stubbe macht für die Bevölkerung des Gutshofes eine Menge Kochwurst zu der morgigen Maifeier. Wieder stundenlanger Truppentransport zu Fuß u. Kolonnen zu Pferde auf der Chaussee von Machmin in Richtung Stolp, teilweise mit Umleitung auf Landwegen. Betty wird im Schweinestall beschäftigt, keine angenehme Beschäftigung für sie.

Mai 1, Dienstag
Witterung: schön, aber noch immer sehr rauhe Luft
Die Maifeier wird im Gutshof abgehalten. Es sind alle Kinder von Bedlin am Vormittag bestellt. Sie wurden mit etwas Kuchen und einer Stulle Brot beschenkt. Nachmittag gab es Musik mit Tanz. Sonst verlief der Tag und die Nacht ruhig. Nach Auskunft eines hiesigen zurückgekehrten Bauern ist unser Hugo weiter nach Hammerstein hingekommen.

Mai 2, Mittwoch
Witterung: regnerisch und kühl bei Südwest
Frau Lawrenz ist heute in ihre Wohnung West-Siedlung, Gr. Machmin zurückgekehrt. Auch die anderen Flüchtlinge sollen nach und nach in ihre Heime zurück, um ihre Äcker zu bestellen, leider wird es an Pferden und Wagen mangeln. Das Saatgetreide fehlt auch.

Mai 3, Donnerstag
Witterung: Regen bei kaltem Nordwest
Heute wird eine Flüchtlingsfrau 80-jährig hier beerdigt. Aus Richtung Stolp ziehen die Flüchtlinge nach hier angrenzenden Ortschaften wieder in ihre Heime zurück. Sonst nichts Neues vorgefallen.

Mai 4, Freitag
Witterung: trübe u. kühl
Toni u. Betty versehen pünktlich ihre Arbeit auf dem Gutshof, Toni in der Küche, Betty im Schweinestall. Heute in der Nacht wurde Betty von 2 Russen belästigt. Wieder große Nachtstörung.

Mai 5, Sonnabend
Witterung: Regen, gegen Abend Gewitter.
Heute die erste Schwalbe gesehen, auch den Kuckuck rufen gehört. Es werden Gerüchte verbreitet, daß Deutschland kapituliert und Friedensverhandlungen zwischen England, Amerika und Deutschland bevorstehen. Sonst alles ruhig.

Mai 6, Sonntag
Witterung: klar bei leisem Nordwest, die Nächte sind noch immer kühl
Das Laub an den Bäumen entwickelt sich sehr langsam. An geschützten Stellen sind Kirschblüten zu sehen. Mit Seegebrecht, dem Verwalter des Gutes Bedlin, habe ich einen längeren Spaziergang durch die Felder gemacht. Roggen, Weizen und Raps stehen gut. Der Boden ist gut und ziemlich eben, stellenweise undurchlässiger Lehmboden. Das Gut ist gut zu bewirtschaften, da es zu beiden Seiten an Chaussee liegt.

Mai 7, Montag
Witterung: leicht bewölkt bei kaltem Nordwest
Toni hat wieder bei der Beerdigung einer 86-jährigen Frau die Leichenrede gehalten. Sie wurde von den Angehörigen der Verstorbenen dazu gebeten. Minna war auch dabei.

Mai 8, Dienstag
Witterung: wolkenlos bei leisem Westwind, etwas wärmer.
Mit Seegebrecht einen längeren Spaziergang gemacht. Seine Dränagearbeit eines nassen Bruches besichtigt. Richtige Weidegärten gibt es in Pommern noch wenig, auch die Milchversorgung u. die Qualität des Rindfleisches ist im Gegensatz zu Ostpr. viel geringer. Um 14.40 Uhr kommt die Kunde, daß Deutschland kapituliert hat u. Waffenstillstand bestehen soll, ob mit allen Feindmächten?

Mai 9, Mittwoch
Witterung: klar bei leisem Nordwind
Heute nachm. wird im Gutshof von einem russischen Major, der gut deutsch spricht, der Waffenstillstand bestätigt. Es kommen auch Lastwagen mit bekränzten roten Fahnen hier durch. Ein Zeichen der stolzen Sieger! Der betreffende Major hat sich dann mit den deutschen Frauen, die in der Küche beschäftigt sind, recht freundlich unterhalten.

Mai 10, Donnerstag
Witterung: zeitw. bewölkt bei scharfem Südwind, gegen Abend entferntes Gewitter u. Regen
Durch die ständige Arbeitsleistung von Toni und Betty werden wir gut mit Lebensmitteln versorgt, Brot und Fleisch gibts reichlich. Sonst nichts besonderes vorgefallen, auch die Nächte sind ruhig.

Mai 11, Freitag
Witterung: klar und warm bei leisem Nordwest
Stubbe bekam heute ein Arbeitspferd mit Geschirr, er hat es gleich zum Eggen benutzt. Nachmittags gingen 2 Polenweiber von Haus zu Haus und nahmen gute Möbel in ein Verzeichnis auf, um sie später wahrscheinlich zu beschlagnahmen. Die Kirschbäume in voller Blüte.

Mai 12, Sonnabend
Witterung: schön warm bei leisem Westwind, nachm. bewölkt
Auch den anderen kleinen Bauern werden Pferde zugeteilt, um sie zum Bestellen der Äcker zu benutzen. Auf dem Gut dagegen wird nicht geackert, die großen Schläge liegen noch unberührt, trotz der 200 Pferde, die hier untergebracht sind.

Mai 13, Sonntag
Witterung: klar, sehr warm bei Windstille.
Heute fragte mich ein Russe, der sehr zutraulich zu uns ist, ob ich in meiner Heimat sterben will. Als ich bejahte, fragte er noch, wie weit ich nach Hause hätte.

Mai 14, Montag
Witterung: leicht bewölkt, kalter Westwind
Stubbe pflanzt fleißig Kartoffeln. Sonst nichts von Bedeutung.

Mai 15, Dienstag
Witterung: vorm. trübe, nachm. klar bei starkem Westwind
Es werden Gerüchte verbreitet, daß die Amerikaner Verhandlungen mit den Russen wegen der Besetzung Deutschlands abgebrochen haben. Sie kommen zu keiner Einigkeit. In dem Nachbardorf Gr. Machmin soll Typhus ausgebrochen sein.

Mai 16, Mittwoch
Witterung: leicht bewölkt, warm bei leisem Westwind
Bei dem schönen Frühlingswetter denken wir mit Wehmut an unsere schöne Heimat und an unsere von uns getrennten Angehörigen. Dabei rollen Tränen unbewußt über die Wangen der Frauen.

Mai 17, Donnerstag
Witterung: ein Tag ist schöner wie der andere
Die Obstbäume stehen jetzt in voller Blüte. Heute gab’s ein schmackhaftes Mittagessen: Süßkohl mit Hammelfleisch.

Mai 18, Freitag
Witterung: klar bei kaltem Westwind
Nichts von Bedeutung.

Mai 19, Sonnabend
Witterung: schön aber noch immer kalt
Flieder blüht. Stubbes Weidegarten, wo der Fluß sich im rechten Winkel wendet, ist mit 18 blühenden Äpfelbäumen bepflanzt. Ich mache täglich einen Spaziergang dorthin, um mich an der schönen Natur zu erfreuen. Die Obstbäume scheinen in diesem Jahr besonders voll zu blühen.

Mai 20, Pfingstsonntag
Witterung: klar bei kühlem Nordwest
Auch einsam verlebt. Nachm. machten wir mit Toni einen Spaziergang durchs Dorf nach dem nahegelegenen Wäldchen. An der Straße stehen sehr alte dicke Eichen, trotz des sandigen Bodens. Es ist anzunehmen, daß sich unter dem Sand fruchtbarer Boden befindet. Mutter u. Schwester von Fr. Stubbe aus Ludwigslust hier zu Besuch.

Mai 21, Montag
Witterung: wie vor, kühler Nordost
Spaziergang mit Seegebrecht nach dem Rapsfeld, das in voller Blüte steht. Auf dem Kleeschlag daneben werden ca. 100 Pferde, 1/3 davon reine Krüppel, gehütet. Um 3 Uhr nachm. Beerdigung eines 87-jähr. ehemaligen Briefträgers aus Stolpmünde, seine 84-jährige Frau ist vor kurzem auch hier begraben. Toni u. ich haben dem Begräbnis beigewohnt. Leiche in Decken gehüllt, ohne Sarg.

Mai 22, Dienstag
Witterung: leicht bewölkt, kühl
Ein Russe zeigte mir eine beschädigte russische Gasmaske. Am Ende unserer Unterhaltung sagte er dann „Krieg kaputt auch Maske kaputt“, er will auch gern nach Hause.

Mai 23, Mittwoch
Witterung: klar, zeitw. bewölkt bei sehr kaltem Nordost
Seit 20 Tagen kein Regen, der sandige Acker wie Pulver, Kartoffeln werden noch gepflanzt. Der Roggen schoßt, bei der Kälte schwaches Wachstum. Hier ist kaum mit einer Mittelernte zu rechnen. Sommerung ist nichts gesät. – Traurige Ernteaussicht.

Mai 24, Donnerstag
Witterung: dasselbe trockene kalte Wetter
Es gehen wieder Gerüchte um, daß in Stettin noch gekämpft wird, Berlin dagegen soll vom Feinde befreit sein. Ob das alles stimmt? Die Nächte sind jetzt ungestört.

Mai 25, Freitag
Witterung: nachts schöner Regen, tagüber leicht bewölkt
Täglich kommen Frauen, besonders aus Stolp u. Umgegend, die um Brot u. Milch betteln. In der Meierei hier wird ihnen die Milch verweigert, es handelt sich um Magermilch, die an die Schweine verfüttert wird. Ca. 230 Schweine sind hier auf dem Gutshof untergebracht.

Mai 26, Sonnabend
Witterung: klar bei Südost, kühl
Seegebrecht u. ich machten einen Spaziergang nach dem 3 km entfernten Gut Nesekow, das mehrere Wochen von den Russen besetzt war. Außer paar Instleuten und einigen Flüchtlingen, die in den Insthäusern wohnen, ist der Gutshof leer. Im schönen Gutshaus alles demoliert, die Möbel zum Teil zerschlagen. Angebaut werden nur Deputatkartoffeln, sonst liegt alles unbestellt. Ein Schlag Roggen, Weizen u. Klee sind gut.

Mai 27, Sonntag
Witterung: endlich etwas wärmer, aber immer noch trocken.
Die in Stubbes Haus einquartierten Russen schleppen noch immer mehr Kühe zusammen. Gestern 3, heute wieder 3 Kühe, und hier sind sie auf dem kleinen Hof schlecht unterzubringen. Schätzungsweise sind hier in Bedlin über 500 Stück Rindvieh zusammengeschleppt und aus den Nachbarorten betteln die armen Menschen um etwas Magermilch.

Mai 28, Montag
Witterung: vorm. kl. Regen, nachm. Gewitterregen, schöne warme Luft
Der russische Kommandant von Bedlin wurde heute abtransportiert. Was er verschuldet hat, ist noch nicht bekannt. Heute holte Betty aus der Mühle das für uns 4 Personen zustehende 10 Pfund Roggenmehl.

Mai 29, Dienstag
Witterung: klar und warm, morgens Tau
Zwei Russen von hier sind mit den 6 Kühen nach Stolpmünde getrieben. Den Jungen Alfred Müller nahmen sie zum Treiben mit und fuhren mit Fuhrwerk nach.

Mai 30, Mittwoch
Witterung: schön, leicht bewölkt bei leisem Südwind
Seegebrecht ist heute in Stolp gewesen und erzählt unter anderem, daß viele Häuser, sogar ganze Straßenreihen ausgebrannt sind. Die Gerüchte, daß in Stolp schon deutsche Polizisten amtierten, sind falsch. Es ist noch alles unter russischer Bewachung. Heute morgs. kamen die beiden Russen mit dem Jungen zurück.

Mai 31, Donnerstag
Witterung: nachts und tagüber schöner sanfter Regen
Ein ostpr. Mädel berichtet über ihre Gefangennahme. Tausende von jungen Frauen u. Mädchen wurden in einem Lager in Graudenz bei schlechter Ernährung gehalten. Am 28.2. wurden sie entlassen. Sie kam zu Fuß bis Stolp, wo sie ihre Schwester vermutet. Die Geschwister wurden in Graudenz dadurch getrennt, da die eine am 28., die andere am 30.2. entlassen wurde. Sonst nichts von Bedeutung.

Juni 1, Freitag
Witterung: nachts noch Regen, tagüber trübe bei Windstille
Ich machte einen längeren Spaziergang über die Felder. Auf dem leichten Boden ist der Roggen sehr dürftig, der bringt höchstens 4 Ztr. je Morgen durchschnittlich.

Juni 2, Sonnabend
Witterung: leicht bewölkt, leiser Westwind.
Jetzt wird endlich angeordnet, daß auch auf dem Gut Bedlin Kartoffeln gesetzt werden sollen. Sommerung ist nichts bestellt.

Juni 3, Sonntag
Witterung: klar bei kühlem Westwind
Russischer Pfingstfeiertag, daher verkürzte Arbeitszeit. Vom Lesen müde, leg ich mein Buch weg und gehe auf den Hof hinaus. Kaum bin ich draußen, kommt ein Russe von der Chaussee u. verlangt Wasser in der Küche, geht dann auf mich zu, befühlt mir die Taschen u. reißt mir die Uhr raus, die mir 33 Jahre treu gedient hat. Schade um die gute Präzisionsuhr.

Juni 4, Montag
Witterung: leicht bewölkt, abends kl. Gewitterregen
Mit Seegebrecht einen längeren Spaziergang durch die Gutsfelder. Ein Schlag Weizen von ca. 12 Morgen im Oktober gesät, sieht sehr schwach aus und wird kaum die Arbeit lohnen. Hier ist der Acker sehr verschieden, neben gelbem Sandboden klebriger fester Lehm, naß u. kalt. Die seit 19.4. hier einquartierten 4 Russen sind heute abgefahren. Die Wirtin Marta ist noch zurückgeblieben.

Juni 5, Dienstag
Witterung: klar bei scharfem kühlen Westwind.
Wir warten vergebens auf irgendeine Wendung in unserem eintönigen Leben.

Juni 6, Mittwoch
Witterung: trübe bei Windstille, warm
Ich habe eine Magenverstimmung u. blieb lange auf meinem Lager. Sonst nichts von Bedeutung.

Juni 7, Donnerstag
Witterung: klar bei Westwind
Pferdemusterung durch einen hohen Offz. hier auf dem Gutshof, hoffentlich werden die vielen Krüppel von den noch tauglichen gesondert. Bei Stubbe sind 6 große Futterschweine eingestellt, sie werden vom Gutshof aus gefüttert.

Juni 8, Freitag
Witterung: nachts starker Gewitterregen, tagüber zeitw. bewölkt, warm
Es wird von bevorstehenden Masseneinquartierungen in den Dörfern berichtet mit der Voraussetzung, daß es sich um Rückzüge der Russen handelt. Ob etwas Wahres dabei ist, wird die Zukunft lehren. Roggen blüht, wer wird ihn ernten?

Juni 9, Sonnabend
Witterung: wolkenlos bei scharfem Westwind, kühl
Jetzt werden in der Gutsküche keine Schweine, nur magere Rinder geschlachtet, dementsprechend sind auch die Mahlzeiten. Meistens gibt es ungesalzene Kartoffelsuppe, die sehr nüchtern schmeckt. Das Brot ist dafür sehr schmackhaft u. reichlich. Abds. gibt es oft Klunkermus mit Vollmilch. Dazu genügt auch trockenes Brot.

Juni 10, Sonntag
Witterung: zeitw. bewölkt, sonst schön, Westw.
Toni und Betty besuchten heute die Frau Braun auf der Ostsiedlung Machmin. Diese hat sich die Wohnung ziemlich in Ordnung gebracht, Kartoffeln gepflanzt, auch etwas Sommerung bestellt. Unsere Pelzdecke ist inzwischen verschwunden. Über die Kriegslage ist noch nichts bestimmtes zu erfahren.

Juni 11, Montag
Witterung: klar bei Westwind, abds. bewölkt
Wieder große Aufregung im Stubbe’schen Haus. Es werden 2 Zimmern u. die kl. Küche für 8 ukrainische Frauen, die hier arbeiten sollen, beschlagnahmt. Seegebrecht u. Britts mußten sofort räumen. Wir 4 blieben zusammen in demselben Zimmer, die Familie Müller zog in die Oberstube.

Juni 12, Dienstag
Witterung: nachts kl. Regen, tagüber leicht bewölkt, warme Luft, abends wieder kl. Regen
Nichts von Bedeutung.

Juni 13, Mittwoch
Witterung: nachts starker Regen, tagüber zeitw. Regenschauer, warm
Spaziergang mit Seegebrecht nach dem Gut Nesekow. Da ist ein Schlag guter Klee, der schon zu blühen beginnt, wer wird ihn mähen? Nachm. wurde S. seine goldene Taschenuhr von einem Russen geraubt. Das Plündern hört noch nicht auf.

Juni 14, Donnerstag
Witterung: den ganzen Tag Regen bei Westwind, sehr kühl
Die große Einquartierung in Gr. Machmin ist abgeblasen. Die Truppen ziehen in Richtung Schlawe. Die Witterung ist hier in der Nähe der Ostsee auffallend kühl.

Juni 15, Freitag
Witterung: wolkig bei scharfem kalten Westwind
Befehl durch Anschlag des Kreiskommandanten Gardemajor Petuchow von Stolp: Die Heu- und Kleeernte ist sofort zu beginnen. Die Deutschen sind von den Dorfsvorstehern anzuhalten die Arbeit „aufzufüllen“. Arbeitszeit von 7 bis 21 Uhr, Mittagspause 14-15.30 Moskauer Zeit, d.h. 1 Stunde später nach unserer Sommerzeit. Das geerntete Heu ist in Haufen zu bringen u. dann zu Ballen zu pressen.

Juni 16, Sonnabend
Witterung: zeitw. klar, abds. Regenschauer, Westwind
Frau Braun, unsere frühere Quartierwirtin, schickte ihre Kinder die Schubkarre abzuholen, die wir beim Abzug von ihr geborgt haben. Gegen Abend kamen die Mutter von Fr. Stubbe u. ihre Schwester her u. wollen hier ständig wohnen. Nun sind wir im Wege, da das Haus jetzt überfüllt; für uns eine unangenehme Sache.

Juni 17, Sonntag
Witterung: wird immer kälter, derselbe scharfe Westwind u. meist bewölkt, abends Regen
Wir denken gemeinsam betrübt an Anitas 21. Geburtstag. Ob der Trennung und der Ungewißheit über ihren Verbleib, ist Toni recht traurig. Eine Wendung unseres Schicksals ist noch nicht abzusehen. Stubbes einspänniger Arbeitswagen ist ihm nachts gestohlen worden, vom Dieb keine Spur.

Juni 18, Montag
Witterung: wolkig bei kühlem Westwind
Wieder mit S. einen längeren Spaziergang durch den Wald an der Stolpe entlang. An einer Stelle zeigt er mir, wo ein Staubecken geplant ist, um Wasserkraft zur Herstellung von Elektrizität zu gewinnen. Die Stolpe wälzt viel Wasser durch mit ziemlichem Gefälle.

Juni 19, Dienstag
Witterung: wie vorher
Der Besuch, Mutter u. Schwester von Frau St. sind gestern wieder zurückgegangen, und wir können weiter hierbleiben. Der junge St. ging mit, um sich über den Verbleib seiner Schwester zu erkundigen, er fand keine Spur von der Verschollenen.

Juni 20, Mittwoch
Witterung: klar und warm bei leisem Nordwest
Zwei Frauen auf dem Wege von Stolp nach Stolpmünde sprechen hier an, um sich zu verruhn. Sie bekamen etwas zu essen, dafür nahm die eine 2 Zettel mit, die sie in den beiden Städten aushängen wollten, mit folgendem Inhalt: Suche meine Tochter Else aus W. u.s.w., Frau Toni Schulz, Bedlin.

Juni 21, Donnerstag
Witterung: wolkenlos bei leisem Nordwest
Nachricht, daß die Russen heute von Stolpmünde in Richtung Lauenburg abrücken sollen. Hier kamen keine Truppen durch.

Juni 22, Freitag
Witterung: wolkenlos bei Windstille, sehr warm
Nachm. kommen unzählige Lastwagen in Richtung Stolpmünde hier vorbei, beladen mit Möbeln, Betten, Schlachtvieh etc. An einem Wagen war ein riesiges Farbenbildnis von Stalin angebracht. Es ist anzunehmen, daß frische Truppen nach Stolpmünde wieder kommen.

Juni 23, Sonnabend
Witterung: leicht bewölkt bei leisem Nordwind
5 Russen bauen ihre Telefonleitung längs der Chaussee wieder ein. Sonst nichts von Bedeutung.

Juni 24, Sonntag
Witterung: wie vorher
Toni und Minna nach dem 4 km entfernten Kirchdorf zum Gottesdienst. Der Pfarrer, ein Flüchtling aus dem Sensburger Kreise gibt auch Konfirmandenunterricht, heute sind 6 Kinder von ihm eingesegnet worden. Heute nachm. zogen eine Menge Kolonnenfuhrwerke leer u. beladen in Richtung Stolpmünde. Es waren auch lose gute Pferde dabei. Diese Maßnahme sieht nicht nach Räumung der Russen aus.

Juni 25, Montag
Witterung: wolkig bei leisem Südwest, morgens Gewitteregen
Ca. 60 Russen eingetroffen zum morgigen Abtransport von Pferden.
Sehnsucht nach der Heimat!
Ein Weg durch Korn und roten Klee,
Darüber der Lerche Singen,
Das stille Dorf, der helle See,
Süßes Wehen, frohes Klingen.

Juni 26, Dienstag
Witterung: leicht bewölkt bei scharfem Nordwest, kühl
Minna u. ich zur Mühle Machmin 10 Pfund Roggenmehl geholt. Der Geselle ist ein Flüchtling aus dem Kreise Ebenrode. Nachm. sind eine Menge Arbeitswagen und über 100 Pferde nach Rußland in Marsch gesetzt. Ein Russe von dem Transport sagte zu mir: 4 Jahre Krieg ist genug, jetzt alle nach Hause.

Juni 27, Mittwoch
Witterung: trübe bei Windstille, nachm. Regen
Große Fliegenplage, das macht, weil sehr viel Vieh hart an dem Hof vorbeigetrieben wird. Sonst nichts von Bedeutung.

Juni 28, Donnerstag
Witterung: nachts u. vorm. Regen, tagüber trübe, recht kühl
Wo steckt Else an ihrem heutigen 24. Geburtstag? Wir wünschen u. hoffen auf ein baldiges Wiedersehen! Heute hat der Bürgermeister alle Hausbewohner nach Namen u. Alter und wo sie beschäftigt werden in eine Liste eingetragen.

Juni 29, Freitag
Witterung: nachts u. vorm. noch Regen, nachm. aufkl. bei Nordwest
Heute wurden wieder über 100 Pferde von den Russen abtransportiert, angeblich über Schneidemühl zur Grenze.

Juni 30, Sonnabend
Witterung: wolkig, zeitw. aufklärend, kühl
Stubbe setzt ca. ½ Morgen Wruken. Wieder Transporte mit Möbeln in Richtung Stolp mit Fuhrwerken.

Juli 1, Sonntag
Witterung: Trübe, zeitw. kl. Regenschauer, abends Gewitter
Noch ca. 50 Pferde von hier abgegangen. Von vereinzelten Bauern, die noch Schafe u. Ziegen hatten, alle geraubt. Von Stubbe 2 fette Schafe. Es hat den Anschein, daß den Leuten kein Vieh verbleiben soll. Mit Seegebrecht Spaziergang durch den Wald. Toni u. Betty gingen in den Buchenwald an der Stolpe Pilze zu suchen, leider keine gefunden.

Juli 2, Montag
Witterung: nachts starker Regen, tagüber trübe
Toni in Begleitung des jungen Stubbe nach dem 3 ½ km entfernten Dorf Kl. Strellin bei Frau Dr. Krause zur Behandlung ihrer kranken Zunge.

Juli 3, Dienstag
Witterung: leicht bewölkt bei Windstille, warm
Toni mit 2 Damen nach Stolp gewandert, um den Tierarzt Romanowski aus Mehlsack zu sprechen, der dort seine Praxis ausübt. Auf dem Vermittlungsamt hat sie auch den Aufenthaltsort der Schlepsteiner Tolkmitts erfahren. Der Ort heißt Granzin u. ist von Bedlin etwa 18 km entfernt über Stolp. Heute wurden von hier 67 Schweine nach Gr. Machmin in die Gutsställe getrieben. Tolkmitts haben nun schlechte enge Wohnung im Insthause.

Juli 4, Mittwoch
Witterung: vorm. wolkig, nachm. starker Regen, scharfer Nordwind, kühl
Heute wurde etwas mageres Rindfleisch verteilt. Das Mittagessen ist nur mit etwas magerem Rindfleisch abgeschmeckt, demnach wenig „gesalzen und geschmalzen“ und keine Abwechslung in Aussicht.

Juli 5, Donnerstag
Witterung: nachts u. tagüber starke Regenschauer
Infolge der vielen Niederschläge ist das Wasser in der Stolpe um einige cm gestiegen. Sonst nichts von Bedeutung. Ungünstiges Heuerntewetter.

Juli 6, Freitag
Witterung: noch zeitw. Regen, warm
Die erste „Deutsche Zeitung“ herausgegeben von der Roten Armee. Ein Dokument des Sieges der alliierten Mächte: Am 5. Juni wurde in Berlin die Deklaration über die Niederlage Deutschlands u. die Übernahme der obersten Staatsgewalt in D. durch die 4 alliierten Großmächte unterzeichnet. Am Schluss heißt es, daß durch die in Deutschland errichtete Besatzungsmacht die Entwaffnung des deutschen Imperialismus u. die Vernichtung des deutschen Faschismus bis zu Ende geführt werden. Erst wenn Nazismus und Militarismus ausgetilgt sein werden, wird das deutsche Volk einen Platz in der Gemeinschaft der Nationen finden können.

Juli 7, Sonnabend
Witterung: leicht bewölkt, noch zeitw. leichte Regenschauer, nachm. starker Regen
Wir sind heute mit unseren paar Klamotten zum Bauer Riehn umgezogen, wo 2 Frauen wohnten, die nach ihrer Heimat Westfalen zurückkehrten. Es ist ein geräumiges Zimmer mit etwas Möbeln u. besserer Schlafgelegenheit.

Juli 8, Sonntag
Witterung: endlich hat der Regen aufgehört, zeitw. klar bei leisem Südwest
Ein stiller Sonntag!

Juli 9, Montag
Witterung: klar bei leisem Nordwest
Toni ging in Begleitung von Frau Stubbe über Stolp nach Granzin zu den Schlepsteiner Tolkmitts. Fr. Stubbe traf vor Stolp ihre Mutter u. Schw. auf dem Wege nach hier u. kehrte um. Toni ging allein weiter. Granzin ist 17 km von Bedlin entfernt. Nachm. besuchte uns ein besoffener Russe, der sich nach jungen Frauen erkundigte. In der Riehnschen Wohnung schoß er mit seiner Pistole durch ein Deckbett in der Wand.

Juli 10, Dienstag
Witterung: trübe bei Windstille, warm
Gestern u. heute sind Männer u. Frauen nach Nesekow zum Klee- und Heuharken gegangen. Schlechtes Trockenwetter. Toni ist gegen Abend wohlbehalten vom Besuch aus Granzin zurück. Tolkmitts wohnen in einem Insthaus, 11 Personen in einem Zimmer, außer 1 Bettgestell sonst keine Möbel nicht mal 1 Tisch ist vorhanden. Auch die Verpflegung ist schlecht, da zu wenig Brot, sind alle sehr elend.

Juli 11, Mittwoch
Witterung: klar bei leisem Südwind, warm
Die Heuernte wird fortgesetzt.
Bald ertönt der Erntereigen,
Und die Rose wird sich neigen,
Und die Vögel werden schweigen!
Ach wie bald, dann liegst du weit,
O du schöne Rosenzeit!

Juli 12, Donnerstag
Witterung: wie vorher
Seegebrecht ist als Gutsverwalter wieder eingesetzt.

Juli 13, Freitag
Witterung: wolkenlos, morgs. Nebel
Nichts von Bedeutung. Abends Transport von ca. 80 Pferden in Richtung Stolpmünde.

Juli 14, Sonnabend
Witterung: wie vor, starker Nebel
Heute wurden hier die besten Kühe ausgesucht und mit Brandzeichen versehen. Von hier u. Machmin sollen 600 gute Kühe dann abtransportiert werden.

Juli 15, Sonntag
Witterung: wolkenlos bei Windstille, morgens Nebel
Die vorgestern hier durchgeführten ca. 80 Pferde sind heute morgens wieder in Richtung Stolp zurückgebracht worden. Viele russische Offz. mit Damen machen Ausflug mit Auto u. Fuhrwerk nach dem Ostseebad Stolpmünde.

Juli 16, Montag
Witterung: wie vorher
Anfang der Rapsernte.

Juli 17, Dienstag
Witterung: klar bei leichtem Westwind
Von Bedlin sind über 100 Kühe abtransportiert worden.

Juli 18, Mittwoch
Witterung: wie vorher
Durch den Abgang von 130 guten Kühen wird von jetzt ab weniger Magermilch verteilt, für uns gibt es anstatt 5 Ltr. nur 2 oder 1 Ltr.

Juli 19, Donnerstag
Witterung: leicht bewölkt bei Nordwest
Heute nichts von Bedeutung.

Juli 20, Freitag
Witterung: vorm. klar, nachm. Gewitter mit schwachem Regenschauer
Der Lanz-Bulldog, der den Mähbinder ziehen sollte, streikt. Zum Rapsmähen müssen Pferde heran.

Juli 21, Sonnabend
Witterung: zeitw. bewölkt bei kühlem Südost
Neue Anordnung: Von heute ab gibt es für die Deutschen kein fertiges Essen, auch kein Brot. Die Verpflegung soll ab 25.7. anders geregelt werden, wahrscheinlich zu unserem Nachteil. Nach 4 Stunden wurde obige Anordnung widerrufen und es bleibt wie bisher.

Juli 22, Sonntag
Witterung: vorm. klar, nachm. starker Regen mit Gewitter
Spaziergang mit S. zum Rapsfeld, das inzwischen abgemäht ist, aber sehr langsam ging, da Pferde schwach. Viele russische und polnische Ausflügler mit Autos und Fuhrwerk nach Stolpmünde, zurück in strömendem Regen.

Juli 23, Montag
Witterung: nachts noch Regen, tagüber wolkig bei kaltem Südwest
Auf dem Sandboden ist der Roggen reif und wird zum Mähen für Maschine rumgemäht.

Juli 24, Dienstag
Witterung: tagüber bewölkt, gegen Abend klar bei demselben Südwest
Es wird gemunkelt, daß die Polen Pommern bis an die Oder zugeteilt erhalten. Die Russen behalten Ost- u. Westpr. u. Posen.

Juli 25, Mittwoch
Witterung: leicht bewölkt bei kühlem Südwest
Heute vorm. zogen ca. 40 Mann von unserem Volkssturm von 2 Russen geführt hier vorbei in Richtung Stolp, wohl zum Ernteeinsatz.

Juli 26, Donnerstag
Witterung: klar bei leisem Westwind, warm
Die Roggenernte hat hier begonnen. Da kein Bindegarn, wird mit dem Getreideableger gemäht.
Es wogt das Korn im Sonnenbrand,
Darüber die Glocken schallen.
Sei mir gegrüßt, mein deutsches Land,
Du schönstes Land von allen.

Juli 27, Freitag
Witterung: vorm. Gewitterregen, nachm. schön klar
Die Roggenernte ist in vollem Gange, auch der Binder heute in Tätigkeit.

Juli 28, Sonnabend
Witterung: nachts noch Gewitter, tagüber schön
Roggenernte wird energisch fortgesetzt.

Juli 29, Sonntag
Witterung: wolkig u. kühl bei Westwind
Toni erkrankt, musste im Bett bleiben, starker Durchfall mit Fieber 39,5. Es leiden hier viele Menschen an dieser Krankheit, Grund: Die einseitige unvollkommene Ernährung.

Juli 30, Montag
Witterung: nachts u. vorm. Regen, nachm. schön bei scharfem Westwind
Heute blieb Toni auch noch im Bett, Fieber läßt nach, Durchfall besteht.

Juli 31, Dienstag
Witterung: nachts Regen, tagüber trübe, zeitw. Staubregen
Toni muß noch das Bett hüten. Auch ich hatte eine schlechte Nacht, Erbrechen und starker Durchfall hat mir recht zugesetzt. Tagüber fühlte ich mich schwach und traurig. Ca. 30 Lastwagen voll beladen mit Möbeln aller Art, darunter viel Bettgestelle u. Matrazen, in Richtung Stolpmünde.

August 1, Mittwoch
Witterung: klar bei leisem Nordwind
Minna machte einen Spaziergang nach dem nächsten Dorf Überlauf. Toni war wenige Stunden auf, hat aber noch Fieber.

August 2, Donnerstag
Witterung: klar bei kühlem Nordwest
Ein unverhoffter freudiger Besuch! Albert Schulz mit Frau Hilde haben in Stolpmünde, wo sie in einer Stadtrandsiedlung wohnen, unseren Aufenthaltsort erfahren. Es geht ihnen leidlich gut, da eine gute Wohnung vorhanden, nur die Ernährung läßt, wie überall, zu wünschen übrig.

August 3, Freitag
Witterung: wie vorher
10 vollbeladene Flüchtlingswagen mit Betten u. Hausrat zogen in Richtung Stolp hier vorbei. Hinterher 1 Lokomobile u. ein Lanz-Bulldog.

August 4, Sonnabend
Witterung: vorm. wolkig, nachm. aufklärend bei leisem Nordwest
Roggenmähen – hier, Nesekow u. Gr. Machmin beendet. Es verlautet, daß die Verhandlungen mit den Feindmächten in Potsdam nunmehr beendet sind. Wie mag der Beschluß sein? Die russische Besatzung soll hier noch 4 bis 5 Monate bleiben.

August 5, Sonntag
Witterung: leicht bewölkt, schönes Erntewetter
Ich hatte eine nette Unterhaltung mit einem russischen Matrosen, der hier vorbeikam u. sehr gut deutsch sprach. Er sagte u.a. die Ostpreußen können bald nach Hause reisen.

August 6, Montag
Witterung: vorm. trübe, nachm. klar bei Windstille
Roggen in 2 Partien eingefahren in die Gutsscheune u. Feldscheune. Minna war heute bei Fr. Dr. Krause, bestellte, daß Toni tagelang an Durchfall leidet u. Fieber nicht nachläßt. Fr. Dr. soll bei nächster Gelegenheit hier vorsprechen.

August 7, Dienstag
Witterung: klar bei Windstille
Roggenfahren wird fortgesetzt. Toni immer noch im Fieber, morgs. 38,2, nachm. 39,2. Nachm. wieder ein Begräbnis, ein Flüchtling aus Westpr. starb infolge Blutvergiftung.

August 8, Mittwoch
Witterung: wolkig, nachm. aufklärend, Windstille
Bei dem schönen Erntewetter wird der Roggen bald unter Dach sein. Mit Riehn einige Stunden Holz gesägt und in den Holzschauer gebracht.

August 9, Donnerstag
Witterung: klar bei leisem Ostwind
Heute wird Raps auf dem Felde gedroschen. Ich säge mit Riehn fleißig Brennholz, da elektrischer Strom fehlt, mit der Handsäge. Toni hat weniger Fieber, hoffentlich gehts bald zur Besserung.

August 10, Freitag Witterung: nachts starkes Gewitter, aber wenig Regen, tagüber klar – Ostwind Es gehen Gerüchte um, daß Japan den Russen den Krieg erklärt hat. Rapsdreschen wird fortgesetzt.

August 11, Sonnabend
Witterung: vorm. klar, nachm. bewölkt, ab 17 Uhr Regen
Ein Schub Polaken sind heute von hier nach ihrer Heimat bei Konitz abgereist.

August 12, Sonntag
Witterung: aufklärend, zeitw. noch leichte Regenschauer
Selma’s Geburtstag, wo mag sie sich aufhalten? Tonis Gesundheitszustand wird nicht besser. Das Fuhrwerk, das die Ärztin bringen sollte, kam leer zurück, Frau Dr. war abwesend. Eine polnische Unterredung mit 2 Polen gehabt, die bei Warschau her sind. Sie träumen von einem Polenreich, das bis zur Oder reichen soll.

August 13, Montag
Witterung: leicht bewölkt bei leisem Ostwind
Mittags war Betty bei der Ärztin, um über Tonis Krankheit zu berichten. Frau Dr. war auch heute nicht zu Hause. Nachm. werden kalte Umschläge gemacht.

August 14, Dienstag
Witterung: vorm. starker Nebel, nachm. klar bei Windstille
Morgens um 7 Uhr kam die Ärztin, sie verordnete nasse kalte Umschläge 2x am Tage u. gab Tabletten als Schlafmittel.

August 15, Mittwoch
Witterung: vorm. starker Regen, tagüber trübe, warm
Elektromonteure bringen den Transformator in Ordnung sowie die zerstörten Leitungen. Hoffentlich gibts bald Strom. Einige hochbeladene Wagen mit Möbeln u. Hausgerät der Polenfamilien ziehen nach Stolpmünde. Die Kerle mit Gewehren bewaffnet, sie fühlen sich wie Sieger.

August 16, Donnerstag
Witterung: vorm. trübe u. warm, nachm. Regen bei Südwest
Gestern abends kam die zusagende Antwort auf unsere Anfrage, ob Albert Schulz u. Frau die kranke Toni besuchen würden. Wir erwarten sie am nächsten Sonntag. Sonst nichts von Bedeutung.

August 17, Freitag
Witterung: klar bei kühlem Südwest
Bei Toni hat das Fieber nachgelassen, heute war sie einige Stunden außer Bett.

August 18, Sonnabend
Witterung: nachts Regen, tagüber leicht bewölkt bei Westwind
Für die Genesende fehlen jetzt kräftige Speisen, die leider nicht aufzutreiben sind. Die Magermilch gibts zur Zeit in saurem Zustande. Heute nachm. wird Weizen eingefahren, vielleicht gibts später mal etwas Weizenmehl.

August 19, Sonntag
Witterung: tagüber Regen, abends aufklärend, kalter Westwind
Die Kranke bekam wieder stärkeren Durchfall, ist aber fieberfrei. Hoffentlich gehts bald zur Besserung, denn die Schwäche nimmt zu. Alb. Schulzen sind des schlechten Wetters wegen nicht gekommen.

August 20, Montag
Witterung: klar bei leisem Westwind, ein schöner Sommertag
Seit vorgestern haben wir elektrisch Licht, am Tage ist der Strom noch gesperrt.

August 21, Dienstag
Witterung: vorm. leichte Regenschauer, nachm. schön
Wieder eine Horde Polen in Richtung Stolpmünde auf dem Marsch. Sie werden sich wohl dort gehörig festsetzen.

August 22, Mittwoch
Witterung: leicht bewölkt bei Südwest, kühl
Heute wird der letzte Weizen eingefahren.

August 23, Donnerstag
Witterung: nachts kl. Gewitterregen, tagüber klar u. warm bei Südwind, abends starker Regenschauer.
Nichts von Bedeutung.

August 24, Freitag
Witterung: nachts u. vorm. Regen, nachm. aufkl.
Von Lena Tolkmitt aus Granzin kam frohe Nachricht: Unser Willy als Kriegsgefangener war auf einem Gut in der Umgebung von Stolp auf Erntearbeit, leider ist der Name des Gutes nicht bekannt. Ferner, daß die Wilknitter Mühle steht, diese Nachricht durch Klautke.

August 25, Sonnabend
Witterung: vorm. Regen, nachm. schön u. warm
Toni ist heute einige Stunden außer Bett, auch der Appetit scheint sich allmählig zu finden. Minna traf eine Bauernfrau Czubba aus Eichendorf, die ihre Tochter sucht. Frieda Kempa ist ohne Karl geflüchtet.

August 26, Sonntag
Witterung: nachts u. tagüber Regenschauer bei scharfem kalten Westwind
Minna ist überanstrengt u. flattert an allen Gliedern. Auch Betty liegt heute krank, hat Kopfschmerzen, auch Fieber.

August 27, Montag
Witterung: wolkig, teilw. klar bei Weststurm
Nichts von Bedeutung.

August 28, Dienstag
Witterung: klar u. warm, Windstille
Minna bekam, nachdem sie Kartoffeln geschält hat, einen Schwindelanfall u. fiel lang auf den Küchenboden. Folge davon ein zerschlagenes Auge u. Schmerzen im Genick. Toni geht es besser, nur die Schwäche bleibt noch.

August 29, Mittwoch
Witterung: wolkenlos u. warm bei Windstille
Die beiden Kranken sitzen in der Sonne, sehen noch sehr elend aus. Ein aus der Gefangenschaft entlassener deutscher Soldat kam hier vorbei und berichtet, daß unsere Kriegsgefangenen jetzt nach u. nach entlassen werden sollen.

August 30, Donnerstag
Witterung: leicht bewölkt bei Windstille, warm
Auf dem Gutshof wird in 2 Schichten tagüber von 10 – 15 u. nachts von 21 bis 1 Uhr gedroschen. In der übrigen Zeit ist der Strom gesperrt.

August 31, Freitag
Witterung: nachts Gewitter, tagüber Regen
Rudolf Hess soll im Radio gesprochen haben??

September 1, Sonnabend
Witterung: zeitw. noch Regenschauer
Die Polen haben heute aus allen Orten der Umgebung Deputierte nach Stolpmünde bestellt. Von Bedlin ist Paul Riehn gewesen u. berichtet, daß die Polen die Bestellung der Winterung, die Verpflegung u. Behandlung der Kranken u.s.w. zur Sprache brachten. Diese Versammlungen sollen jede Woche am Sonnabend stattfinden.

September 2, Sonntag
Witterung: vorm. kühl, nachm. klar u. warm
Toni u. Minna haben noch immer Durchfall u. bei der schlechten Verpflegung ist auf eine Besserung wenig Hoffnung. Ich machte nachm. einen Gang durch die kahlen mit Unkraut verwachsenen Gutsfelder. Es ist noch keine Furche zur Roggenbestellung zu sehen, ein trostloses Bild!

September 3, Montag
Witterung: leicht bewölkt, in der Sonne schön warm
Die Feindmächte sollen die Verhandlungen über die künftige Grenzregulierung beendet haben.

September 4, Dienstag
Witterung: klar bei leisem Nordwest
Toni wollte heute zum Arzt nach Stolp, leider kam es nicht dazu.

September 5, Mittwoch
Witterung: wolkenlos bei leisem Nordwest
Heute ein erfreulicher Tag! Vormittag besuchte uns Hilde Schulz aus Stolpmünde. Nachmittag kam Lenchen u. Hermann Tolkmitt von Granzin aus auf der Reise nach Alt-Schlawe hier zur Nacht, morgen wandern sie weiter.

September 6, Donnerstag
Witterung: leicht bewölkt, morgs. u. abds. schon kühl
Ich begleitete die beiden Reisenden bis Kl. Strellin. Sie wollen auf dem Rückwege wieder hier Rast machen, hoffentlich werden die 60 km hin u. zurück ihnen nicht zu viel werden. Von hier bis Granzin sind noch 18 km.

September 7, Freitag
Witterung: klar bei leisem Nordwind, morgs. recht kühl
Der Herbst ist im Anzuge. Wo werden wir den Winter verleben, und wie werden wir uns ernähren?

September 8, Sonnabend
Witterung: nachts kl. Regen, tagüber leicht bewölkt u. warm
Nichts von Bedeutung. Endlich wird mit Pflügen zu Roggen angefangen.

September 9, Sonntag
Witterung: morgs. kl. Regen, dann leicht bewölkt, warm bei Windstille
Bei der schönen milden Luft machte ich morgs. einen längeren Spaziergang. Lenchen u. Hermann sind hier nicht durchgekommen, wahrscheinlich andere Tour gegangen.

September 10, Montag
Witterung: wie vor, nachm. schön warm bei leisem Nordwind
Toni erholt sich langsam von ihrer langen Krankheit. Muß jetzt kochen, da Minna noch recht schwach.

September 11, Dienstag
Witterung: trübe, zeitw. aufklärend, Windstille
Heute morgs. Nachricht von Hilde, daß Albert Schulz krank im Fieber liegt. Toni gibt durch diesen Boten Antwort, wie es uns geht.

September 12, Mittwoch
Witterung: klar bei leisem Nordost, warm, ein schöner Spätsommertag
Gestern u. heute wird mit Trecker tiefgepflügt. Die Gespanne fahren Dung auf Roggen stoppeln.

September 13, Donnerstag
Witterung: klar bei Südwind, warm
Toni geht’s schon besser, Minna ist noch recht schwach auf den Beinen. Sonst nichts ereignet.

September 14, Freitag
Witterung: vorm. klar, nachm. bewölkt u. warm bei Südwind
Nichts von Bedeutung.

September 15, Sonnabend
Witterung: nachts kl. Regen, tagüber schön bei Südwind
Schon wieder Gerüchte, daß Ostpr. bei Deutschland verbleiben soll, auch Pommern.

September 16, Sonntag
Witterung: nachts Regen dann aufklärend, kühl bei Südwind
Wieder ein Begräbnis, ein 36jähriger Fleischer von Beruf ist infolge Blutvergiftung gestorben.

September 17, Montag
Witterung: nachts u. tagüber Regen, warm
Heute ist allen Arbeitsunfähigen u. Kindern das Brot entzogen. Darüber war unter den Arbeitern auf dem Gutshof große Entrüstung. Meine Bitte beim Kommandanten um Zuteilung von Brot für meine kranke Frau wurde glatt abgelehnt.

September 18, Dienstag
Witterung: aufklärend bei leisem Südost
Heute war ich in der Mühle Mehl betteln. Der Mühlenbesitzer, dem es z. Zt. sehr gut geht, hat kein Mitleid mit uns Flüchtlingen. Nach langem Bitten gab er mir 1 ½ Pfund Weizenmehl. Darüber war ich sehr aufgeregt, daß ich in der Nacht nicht schlafen konnte.

September 19, Mittwoch
Witterung: schön bei Ostwind, abds. kl. Regenschauer
Toni hat recht schwer mit der Kocherei, weil außer Kartoffeln nichts zu haben ist, weder Obst noch Gemüse. Wie wird es bloß mit der Verpflegung werden? Von Holunderbeeren macht Toni eine schmackhafte Suppe, Not macht erfinderisch.

September 20, Donnerstag
Witterung: leicht bewölkt bei Westwind
Die Menschen sterben wie die Fliegen. Heute Beerdigung einer älteren Frau aus Bedlin.

September 21, Freitag
Witterung: schön u. warm bei leisem Südwind
Wieder ein Todesfall: Erna Lohse, eine gute Bekannte von uns, starb infolge Blinddarmvereiterung, 28 Jahre alt.

September 22, Sonnabend
Witterung: nachts Regen, tagüber trübe, warm bei Windstille
Heute wurde die Zuteilung für jede arbeitende Person ausgegeben; für 5 Tage: 250 gr. Fleisch, 170 gr. Quark, 500 gr. Grütze, 50 gr. Weizenmehl, 75 gr. Butterschmalz, 150 gr. Salz, 100 gr. Zucker.

September 23, Sonntag
Witterung: nachts Regen, tagüber klar bei Westwind
Toni ist jetzt schon ziemlich auf Deck, hat aber mit dem Kochen viel auszudenken bei der knappen Zuteilung. Betty half Riehns Kartoffeln ausnehmen.

September 24, Montag
Witterung: trübe u. warm bei Windstille
Heute gab’s ein gutes Mittagessen, Sauerklops. Zu Abendbrot eine dicke Gerstengrütze.

September 25, Dienstag
Witterung: den ganzen Tag Regenschauer
3 Gespanne sind heute beim Eggen, aber die Pferde sind schlapp und leisten wenig.

September 26, Mittwoch
Witterung: vorm. noch Regen, nachm. aufklärend
Zweite Zuteilung von Lebensmitteln. Hier bei Riehn wurde eine kl. Schrotmühle in Betrieb gesetzt, leider ist die elektrische Kraft z. Zt. sehr knapp. Ist man bei der besten Arbeit, dann wird der Strom gesperrt. Die Mühle soll Schrot für die 35 Arbeitspferde liefern?

September 27, Donnerstag
Witterung: immer noch Regen
Nichts von Bedeutung.

September 28, Freitag
Witterung: starke Regenschauer
Ich hacke täglich Holz und versorge die Küche mit trockener Brennung. Solange das Gutsholz hier gesägt wird, ist die Versorgung nicht schwer.

September 29, Sonnabend
Witterung: vorm. Regen, nachm. klar bei Nordwest, kühl.
Heute wurde auch für uns etwas Gerste zu Grütze gemahlen. 3. Zuteilung von Lebensmitteln ohne Zucker u. Salz.

September 30, Sonntag
Witterung: klar bei kühlem Nordwind
Betty hat nachm. für Riehns Kartoffeln gelesen. Minna u. ich holten vom Felde grüne Pferdebohnen, morgen gibts Mittag davon.

Oktober 1, Montag
Witterung: vorm. schön, nachm. zeitw. Regen
Von Bedlin wurden ca. 100 Kühe u. sämtliche hier aufgezogenen Kälber in Richtung Stolp abtransportiert, ebenso einige Fuhren Roggen u. Weizen abgefahren. Es wird erzählt, daß bis zum 6.10. möglichst viel Getreide u. Viehzeug weggehen soll. Von heute ab gibts keine Magermilch mehr.

Oktober 2, Dienstag
Witterung: Es regnet immer weiter
Auch die Schweine werden nach u. nach weggefahren. Die Schwalben sind weggezogen; wenn wir ihnen folgen könnten aus unserer Gefangenschaft!

Oktober 3, Mittwoch
Witterung: vorm. starker Regen, nachm. klar
Weiterer Abtransport von Schweinen u. Getreide. Toni ging freiwillig den 3 wachthabenden Russen zu kochen. Was tut man nicht alles, um etwas Lebensmittel zu erhalten?

Oktober 4, Donnerstag
Witterung: nachts Reif, tagüber wolkenlos bei Windstille – prächtiges Herbstwetter
Der Abtransport wird eifrig fortgesetzt. Die Schrotmühle wurde heute weggenommen und im Gutshof aufgestellt.

Oktober 5, Freitag
Witterung: wolkig bei Westwind, kühl
Betty hat etwas Roggen gehamstert. Heute Ofen geheizt. Ich bekam am rechten Ohr einen bösartigen Ausschlag, Art nasse Flechte.

Oktober 6, Sonnabend
Witterung: wolkig, mittags Regenschauer
Zuteilung von ca. 35 Pfund Roggen für arbeitende Personen. Die Schweine sind alle weg, bis auf 5 Stück, die noch geschlachtet werden. Betty wird noch mit kl. Arbeiten beschäftigt u. bekommt noch die Zuteilung.

Oktober 7, Sonntag
Witterung: nachts u. vorm. starker Regen, nachm. aufklärend, Nordwind, kalt
Heute wurden von hier 10 Fuhren à 20 Ztr. Roggen abgefahren. Die Bauern haben noch keinen Ztr. Roggen eingesät.

Oktober 8, Montag
Witterung: wolkig bei scharfem Südwind
Toni u. Betty zum Einkauf nach Stolp, hin mit Getreidefuhrwerk, zurück per pedes. Das Geschäft hat sie nicht befriedigt, da Lebensmittelpreise viel zu hoch, z. B. ein Hering 25 Zloty. Die meisten Geschäfte haben die polnischen Juden in der Hand.

Oktober 9, Dienstag
Witterung: bewölkt bei Westwind gelinder
Betty hilft Frau Riehn Kartoffeln lesen.

Oktober 10, Mittwoch
Witterung: klar bei leisem Südwind, angenehm warme Luft
Betty’s 17. Geburtstag, nachm. ist sie wieder Kartoffeln lesen.

Oktober 11, Donnerstag
Witterung: nachts starker Regen, tagüber leichte Regenschauer Nachricht auf unsere Anfrage, daß Albert Schulz noch krank ist und Hilde jetzt zur Arbeit geht.

Oktober 12, Freitag
Witterung: leicht bewölkt bei Südwind
Jetzt wird der ungedroschene Weizen fuhrenweise auch noch weggebracht.

Oktober 13, Sonnabend
Witterung: zeitw. leichte Regenschauer, nachm. schön
Mein Ausschlag im Gesicht ist nicht besser geworden, auch das rechte Augenlid ist stark entzündet. Aus dem Ohr sickert immer noch Wasser und in der Nacht reißt es. Seegebrecht ist heute aus dem Krankenhaus zurück. Unser Hochzeitstag vor 45 Jahren.

Oktober 14, Sonntag
Witterung: vorm. leichter Regen bei Westwind, nachm. klar
Ich machte einen Spaziergang nach dem bestellten Roggenschlag. Der Roggen geht zwar auf, aber die Bestellung ist sehr schlecht. Wegen der Nässe war Drillen nicht möglich, also mit der Hand gesät u. einfach nachgeeggt ohne Kunstdung.

Oktober 15, Montag
Witterung: leicht bewölkt, milde Luft
Heute waren 4 Polen hier, die sich morgen einzeln bei den Bauern einquartieren wollen und mit ihnen zusammen wirtschaften sollen. In den benachbarten Ortschaften ist dies schon früher geschehen. Auf meine Frage, wie lange sie denn bleiben werden, sagte er, auf unbestimmte Zeit.

Oktober 16, Dienstag
Witterung: klar bei Windstille, ein schöner Oktobertag
Bei der Birke u. dem Ahorn sind die Blätter gelb u. fallen bereits.

Oktober 17, Mittwoch
Witterung: nachts kl. Regen, tagüber schön u. warm
Die Einquartierung der Polen ist nicht erfolgt, ein polnischer Wirtschafter ist aber nach dem Gutshof gekommen. Er tadelte bereits, daß zu wenig Roggen gesät ist. Vom Schloßdach weht die weißrote Fahne!

Oktober 18, Donnerstag
Witterung: klar bei leisem Westwind, warm
Heute gabs ein feines Mittagessen, Hasenbraten mit Knödeln. Nachdem ich vorm. Holz gehackt habe, sitze ich jetzt mit meiner schorfigen Backe in der wärmenden Sonne.

Oktober 19, Freitag
Witterung: zeitw. klar bei leisem Nordwest
Betty liest heute Gutskartoffeln nach der Maschine. Beerdigung eines Bedliner Bürgers ohne Pfarrer, da kein Fuhrwerk da ist.

Oktober 20, Sonnabend
Witterung: wolkig bei kaltem Nordost
Es gehen wieder Gerüchte um, daß die Russen Ost- u. Westpreußen behalten, Pommern bekommen die Polen. Heute ein Hin und Her von Lastautos, sie fahren noch immer mit Rohöl.

Oktober 21, Sonntag
Witterung: aufklärend, aber kühl
Wieder mal ein gutes Sonntagsessen, Hammelfleisch mit schmackhafter Brühe.

Oktober 22, Montag
Witterung: wolkenlos bei leisem Südwest, morgs. Reif, in der Sonne recht warm
Nichts von Bedeutung.

Oktober 23, Dienstag
Witterung: nachts Regen, tagüber trübe bei leisem Südwind, warme Luft
Wieder ein Todesfall, die Frau vom Gutsschmied wurde heute beerdigt.

Oktober 24, Mittwoch
Witterung: nachts u. tagüber Regen, Südwind
Nichts besonderes ereignet. Mein Ausschlag im Gesicht u. in den Kopfhaaren ist noch nicht weg. Jetzt sind auch die Augenlider stark entzündet.

Oktober 25, Donnerstag
Witterung: trübe bei Südwest, milde Luft
Betty ist wieder zur Arbeit bestellt. Am Tage wird Roggen aus der Feldscheune nach hier gefahren u. nachts gedroschen.

Oktober 26, Freitag
Witterung: zeitw. Regenschauer, abds. aufklärend
Es scheint doch zu stimmen, daß die Feindmächte über die Teilung Deutschlands unter sich nicht einig sind. Amerika soll Rußland aufgefordert haben, verschiedene Ostseehäfen zu räumen.

Oktober 27, Sonnabend
Witterung: trübe bei Südwind
Betty ist nachm. zu ihrer Freundin nach Schönwalde gegangen. Schönwalde liegt nordöstlich von Kl. Machmin in der Nähe der Ostsee, von hier 15 km entfernt.

Oktober 28, Sonntag
Witterung: nachts 2x Gewitter mit Blitz u. Donnerschlag, starker Regen u. Sturm, tagüber wolkig, milde Luft
Ein trauriger stiller Sonntag. Toni leidet noch an starkem Durchfall, daher die traurige Stimmung.

Oktober 29, Montag
Witterung: wolkig bei leisem Südwest, mild
Betty kam sehr müde von ihrer Reise zurück, sie hat sich den Ostseestrand angesehen, sonst aber nichts neues erfahren.

Oktober 30, Dienstag
Witterung: morgs. starker Nebel, Windstille
Frau Duske zieht von hier in ihre Wohnung in’s Gasthaus um.

Oktober 31, Mittwoch
Witterung: den ganzen Tag Nebel bei Windstille, mild
Mitternachts großer Hühnerraub durch die Russen. Frau Riehn hat 5 Hühner u. 1 Hahn eingebüßt.

November 1, Donnerstag
Witterung: trübe bei Windstille, schönes mildes Herbstwetter
Gestern abds. kamen 3 Polen zur Nacht. Fr. Riehn gab ihnen zu Abendbrot Bratkartoffeln, dafür erhielt sie Brot. Heute besahen sie eingehend die Wirtschaft u. zogen in Richtung Stolp ab.

November 2, Freitag
Witterung: wie vorher
Die Gerüchte scheinen sich zu bewahrheiten, daß in Ostpr. die zurückgebliebenen Flüchtlinge unter den Russen leben u. ihre Wirtschaft besorgen. Die jungen Leute allerdings sind interniert.

November 3, Sonnabend
Witterung: vorm. trübe, nachm. aufklärend, kühl
Nichts ereignet.

November 4, Sonntag
Witterung: morgs. starker Reif, tagüber Sonnenschein, Südwind
Toni ist jetzt wieder auf Deck, sie schneidert, macht aus alten Sachen Neues und sorgt dabei, daß wir vier fett werden.

November 5, Montag
Witterung: morgs. Reif, sonst schön, aber kalt
In die Oberstube, wo bis jetzt Frau Duske war, ist nun Frau Tolks mit Tochter eingezogen. Sie ist Flüchtling aus einer Ortschaft bei Bartenstein.

November 6, Dienstag
Witterung: den ganzen Tag Nebel bei Windstille
Das welke Laub von den Bäumen fällt überraschend schnell, noch ein paar Tage und sie sind kahl.

November 7, Mittwoch
Witterung: trübe, mild
Die Wruken von den Bauern sind beschlagnahmt und werden im Gutshof eingemietet.

November 8, Donnerstag
Witterung: morgs. wolkig, später Regen bei scharfem Südwind
Toni und Betty sind nach Stolpmünde Lebensmittel gegen Bekleidungsstücke einzutauschen. Betty außerdem sich nach einer Stelle als Hausmädchen umzusehen, sei fand jedoch keine. Gegen Abend kamen sie müde und durchnäßt zurück. Bei Albert Schulz fand Toni beide noch krank, Hilde im Bett, Typhus, ein Elend.

November 9, Freitag
Witterung: klar bei Windstille, schönes Herbstwetter!
Frohe Botschaft! Toni bekam von Lene Compes u. Herrn Arndt aus Berlin Nachricht, daß Cläre u. Annita sich in Hannover befinden. Anscheinend hat Cläre mit unserem Ernst im Briefwechsel gestanden, da sie berichtet, daß Ernst beim Mühlenbes. Curt Hennig in Lichtenstein sich aufhält, also frei ist. Wir haben nun die Absicht in’s Reich zu fahren, Toni nach Hannover und wir Alte zum Ernst. Ob es gelingen wird?

November 10, Sonnabend
Witterung: leicht bewölkt, morgs. Reif, sonst schön
Nachm. ist Toni zur Fr. Dr. Krause nach Kl. Strellin gegangen, um sich eine Bescheinigung von ihr zu holen, daß sie während ihrer Typhuskrankheit sich von Fr. Dr. behandeln ließ.

November 11, Sonntag
Witterung: vorm. trübe, nachm. Regen, Ostwind
Ein trüber langweiliger Sonntag.

November 12, Montag
Witterung: nachts Schnee, tagüber wolkig, mild
Zur Vorbereitung unserer Reise nach dem Reich ist eine Freifahrtbescheinigung nötig bis Stettin. Toni muß sich jetzt bemühen, diese zu besorgen. Heute ist sie in Machmin beim polnischen Amtsvorsteher eine Bescheinigung über unseren bisherigen Aufenthalt zu holen.

November 13, Dienstag
Witterung: leicht bewölkt bei Windstille
Frau Dreseke aus Berlin brachte heute Nachricht von Cläre an Toni. Cläre wünscht, daß ihre Mutter sich schleunigst nach Berlin begeben soll. Von Ernst hat sie außer Curt Hennig noch Engelhütte bei Cham Bayr. Wald als Aufenthaltsort angegeben. Diese Adresse hat sie durch Powitz erhalten.

November 14, Mittwoch
Witterung: trübe bei Windstille, mild
Ich war zur polnischen Post nach Arnshagen 4 km gegangen. Es waren 3 Briefe für Bedlin da, aber keiner für uns. 3 frankierte Postkarten à 1 Zloty brachte ich mit.

November 15, Donnerstag
Witterung: trübe, feuchte milde Luft
Heute ist es denn entschieden, daß wir nächste Woche am Mittwoch d. 21. von hier abreisen. Toni hat die Freifahrtscheine von den polnischen Behörden in Stolp besorgt. Stolp ist in Slupsk umbenannt.

November 16, Freitag
Witterung: trübe und warm bei Windstille
Heute nachts wurde Riehn sein letztes lebendes Inventar, ein Lamm, durch das Stallfenster geraubt. Ob es Polen oder Russen gewesen sind, ist nicht festgestellt.

November 17, Sonnabend
Witterung: trübe, etwas kühler, leiser Südwind
Toni u. Betty sind nach Stolpmünde gegangen, um wieder etwas Lebensmittel einzutauschen. Sie waren auch bei Albert Schulzen, die sind noch beide schwach nach der langen Krankheit. Es ist ein Elend, wenn alte Menschen keine Hilfe zum Betreuen haben.

November 18, Sonntag
Witterung: wie vorher
Minna klagte schon gestern über Schmerzen in der Brust, heute blieb sie im Bett, hat auch keinen Appetit zum Essen. Wenn es nur nicht Lungenentzündung wird.

November 19, Montag
Witterung: immer noch trübe bei Windstille
Minna ist fieberfrei, trotzdem aber sehr müde u. schwach, da kein Appetit zum Essen. Toni war in Stolp sich noch erkundigen, ob der Sonderzug am Mittwoch bestimmt geht. Sie reist nun allein und wir Alte bleiben leider hier zurück.

November 20, Dienstag
Witterung: dasselbe ruhige Wetter
Minna hatte eine unruhige Nacht, da dauernd Schmerzen in der rechten Brustseite. Bei Riehns brachen in der Nacht Russen ein und raubten Wäsche u. Kleider. Toni nimmt eine Postkarte an Hennig mit der Bitte, Ernst zu benachrichtigen wo wir stecken und ob es möglich wäre, daß er uns hier aufsucht.

November 21, Mittwoch
Witterung: wie vorher
Toni reiste heute zunächst nach Berlin ab, vielleicht trifft sie Kläre noch dort. Minna ist sehr schwach, die Schmerzen in der Brust scheinen nachgelassen zu haben, leider ißt sie nichts und verlangt nur nach kalter Flüssigkeit. Mein Freifahrtschein ist bis 30.11.45 verlängert.

November 22, Donnerstag
Witterung: nachts kl. Regen, tagüber schön u. milde
Minnas Zustand bessert sich nicht. Ich bin ganz verzagt, da wenig Hoffnung auf schnelle Genesung. Es fehlen die stärkenden Krankengerichte Milch, Eier u. Butter.

November 23, Freitag
Witterung: vorm. zeitw. klar, nachm. wolkig, kühl
Mein Armes klagt, besonders in der Nacht, dauernd über Schmerzen in der Brust. Die Pillen, die den Schmerz lindern sollen, helfen nicht viel. Gegessen hat sie morgs. etwas Gries. Die Polaken säen heute noch Roggen.

November 24, Sonnabend
Witterung: vorm. trübe, nachm. klar bei leisem Südost
Die Kranke quält sich weiter mit ihren Schmerzen. Man sitzt am Bett und kann nicht helfen.

November 25, Sonntag
Witterung: trübe bei Windstille, nachts 2°–
Wieder ein stiller trauriger Sonntag – Totenhaft. Die Schmerzen in der Brust ließen heute nach, trotzdem ist die Kranke sehr ungeduldig.

November 26, Montag
Witterung: wolkig bei Südost 0°
Heute war eine unruhige Nacht, die Ungeduld bei der Kranken wird immer größer. Für mich eine recht traurige Zeit. Um 19.30 hat meine treue Gefährtin die Augen für immer geschlossen. Die letzten Stunden hat sie keine Schmerzen gespürt, denn sie ist ohne zu stöhnen eingeschlafen.

November 27, Dienstag
Witterung: wolkig, mild bei Westwind
Den Sarg macht ein Stellmacher. Einige Bretter lieferte Herr Riehn. Betty war beim Pfarrer in Arnshagen, er will um 13 ½ Uhr abgeholt werden. Ob ich Fuhrwerk bekomme? Das Begräbnis haben wir auf Donnerstag d. 29.11. festgesetzt.

November 28, Mittwoch
Witterung: nachts etwas Regen bei scharfem Westwind
Vorbereitung zum Begräbnis, Kränze geflochten u. den Sarg geschmückt. Fuhrwerk zum Abholen des Pfarrers unmöglich aufzutreiben. Er, ein Flüchtling aus Rudzanny, kommt die 4 km von Arnshagen zu Fuß.

November 29, Donnerstag
Witterung: wolkig bei Westwind
Um 13 ½ Uhr haben wir meine liebe treue Gefährtin zur letzten Ruhe gebettet. Das Gefolge war größer als ich dachte. Der Pfarrer wählte zum Text: Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn und die Bibelworte „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand.“ Dies ist zufällig der Spruch, den die Verstorbene als Aufschrift über dem Friedhofstor in Martinshagen gewählt hat im Jahre 1912.

November 30, Freitag
Witterung: aufklärend bei leisem Westwind
Betty u. die kl. Frieda Riehn sind nach Stolp um Lebensmittel einzuhandeln. Für 2 Paar Schuhe u. eine Strickjacke gab es 700 Zl., 2 Pfund Speck u. 1 Pfund Butter kosten dagegen 580 Zl.

Dezember 1, Sonnabend
Witterung: wolkenlos bei Windstille, morgs. 2°–
Mein Freifahrtschein ist bis 10.12. verlängert, so daß ich nächste Woche evtl. abreisen kann. Wie werde ich die lange Reise bewältigen? Heute habe ich noch 2 Schals für 400 Zl. verkauft, zur Beschaffung von Lebensmitteln für die Reise.

Dezember 2, Sonntag
Witterung: klar bei scharfem Ostwind 3°–
Wieder ein Todesfall. Frau Kautz, eine Schwester von Herrn Riehn, ist heute gestorben. Der Tod kam ganz unerwartet, am 28.11. half sie hier bei Minnas Begräbnis Kränze flechten; eine hübsche flinke Frau von 40 Jahren.

Dezember 3, Montag
Witterung: zeitw. klar, abds. etwas Schnee u. Regen
Betty war in Stolp Erkundigung über meine Reise einzuziehen. Ich habe nun beschlossen, Mittwoch d. 5.12. abzureisen. Wie wirds mir ergehen?

Dezember 4, Dienstag
Witterung: Nebel bei Windstille, mild
Vorbereitung zur Reise Briefe an Tolkmitts u. Albert Schulz geschrieben Das Begräbnis der Frau Kautz mitgemacht u. Abschied von Minnas Grab genommen.

Dezember 5, Mittwoch
Witterung: morgs. Nebel, sehr mild
Ich begab mich auf die schwere Reise, Betty u. Fr. Groth begleiteten mich. Nachts um 1 Uhr fuhren wir erst ab.

Dezember 6, Donnerstag
Witterung: etwas Schnee gefallen
Eine Station hinter Stolp drangen Polen in unseren Wagen u. raubten alles weg. Auch mein Koffer mit Wäsche u. Lebensmitteln ist weg.

Dezember 7, Freitag
Witterung: frostig
Der Zug geht im Schneckentempo, steht dann tagüber auf einem toten Geleise, weil die Lokomotive zu anderem Zwecke gebraucht wird.

Dezember 8, Sonnabend
Witterung: trübe aber kalt
Um etwas Wasser zu bekommen wird Schnee geschmolzen. Ich habe mir auch etwas Wasser erbettelt.

Dezember 9, Sonntag
Witterung: klar mit Frost
Endlich eine Station hinter Stettin angekommen u. im Zuge übernachtet.

Dezember 10, Montag
Witterung: frostig, ca. 8°–
Wir, d.h. über 1000 Menschen, sind in Löcknitz in kalten Baracken untergebracht.

Dezember 11, Dienstag
Witterung: nachts Schnee, danach Tauwetter
Noch eine Nacht hier zugebracht. Nachm. ging es wieder die 3 km Strecke bis zum Bahnhof. Abends fuhren wir ab zum Lager Anklam. Wir blieben im Zuge bis es hell wurde.

Dezember 12, Mittwoch
Witterung: Schnee, abds. Tauwetter
Im kalten Schützenhause untergebracht. Ich war auf dem Landratsamt über meine Weiterreise erkundigen. Da heißt es abwarten bis zur späteren Regelung. Mich plagt der Durst, bei einer Frau 2 Tassen Kaffee erbettelt.

Dezember 13, Donnerstag
Witterung: nachts kl. Frost
Heute noch in den kalten Räumen zugebracht, aber länger unmöglich.

Dezember 14, Freitag
Witterung: kl. Frost
Ein deutscher Soldat half mir in die Kasteniens-Schule übersiedeln, wo ich im warmen Zimmer notdürftig untergebracht bin.

Dezember 15, Sonnabend
Witterung: Tauwetter
Bei dieser eintönigen Kartoffelsuppe u. Schwarzbrot mit kaltem Wasser wird man die Schwäche nicht überwinden.

Dezember 16, Sonntag
Witterung: den ganzen Tag Regen
Heute gabs für Kinder bis 6 Jahren u. Greise neben der Brotration noch Weizenbrot. Ich habe mir dazu 1 Tasse heißen Kaffee erbettelt.

Dezember 17, Montag
Witterung: immer noch mild
Bei dieser schlechten, stickigen Luft u. miserabler Verpflegung werde ich noch schwächer.

Dezember 18, Dienstag
Witterung:


Anmerkungen
Der letzte Tagebucheintrag von Richard Pietraß ist vom 17. Dezember 1945. Für weitere Einträge war er offenbar zu schwach geworden als Folge der Entbehrungen und Strapazen auf der Flucht. Er starb in Anklam auf der Fahrt nach Lichtenstein (Sachsen) zu seinem Sohn Ernst. Er wurde am 29. Dezember 1945 inb Anklam begraben. Das genaue Todesdatum ist unbekannt. Richard Pietraß wurde 76 Jahre alt. Es war ihm nicht vergönnt, seinen Sohn nach dem Krieg wiederzusehen.

Die Nachricht vom Tod des Vaters erreichte Ernst Pietraß in Lichtenstein in Sachsen, wo er nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft seine Familie wiedergefunden hatte. Er reiste zum Grab des Vaters nach Anklam und kam so in den Besitz des Fluchttagebuchs.