Flucht aus Ostpreußen im Januar 1945
von Elisabeth Pietraß
(geb. 1909 in Kampen, Kreis Lötzen, Ostpreußen)

Wir müssen flüchten ...

Was wir fürchteten, woran wir zu denken uns scheuten, war nun doch Wirklichkeit geworden. Am Freitagabend (19.1.) hieß es, das Dorf am Mittwoch (24.1.) in westlicher Richtung verlassen, am Sonntag (21.1.): "Sofort räumen, Verpflegung für 10 Tage mitnehmen, der Treck steht Montag früh 8 Uhr abfahrbereit. Beim Vieh mögen ausländische Viehpfleger, möglichst Italiener, bleiben."

Wir brachten unsere drei schönen Kühe und unsere neugekauften Schweine zum Opa nach Kampen. Sogar Futter brachten wir ihnen noch hin. Noch konnten wir uns nicht vorstellen, daß alle Fürsorge, alle Planung vergebens war, daß das Chaos über uns hereinbrechen sollte.

Es wurde Tag und Nacht gepackt, in jedem großen Reisekorb von allem etwas, sollte mal etwas verloren gehen, daß man nicht in Verlegenheit war um die nötigsten Dinge des täglichen Lebens (Kleidung, Schuhe, Wäsche, Zwieback, geräucherter Speck, Geld, Haarkämme, Handtücher, Schuhpflegemittel usw.) Es wurde gekocht und gebraten. Etliche Säcke mit Brot lagen bereit. Eine 20-Liter Milchkanne wurde mit Johannisbeergelee gefüllt. Zwischendurch wurden wertvolle Andenken (z.B. farbige Fotografien der Kinder, wertvolle Bilder), die man nicht mitnehmen konnte, unterm Dach, im Keller, hinterm Schornstein versteckt oder in der Erde vergraben. Du lieber Gott, wie sah unser sonst so ordentliches Haus aus!

Tante Grete ließ es sich nicht nehmen, noch einmal Ordnung im Haus herzustellen, bevor sie auf den Wagen stieg. Dadurch geriet sie nicht, sich genügend warm und fest anzuziehen für eine Flucht in Winterkälte und dunklen Winternächten. Es war der 22. Januar 1945.

War es überhaupt nötig, sich so warm und fest anzuziehen? Wir hofften doch noch immer, in Preußenburg, 15 km von Lötzen hinter der Befestigungslinie, bei Verwandten einen beschaulichen Winter zu verleben, zwischendurch mal nach unseren geliebten Upalten und Kampen zu sehen und im Frühjahr ganz zurückzukehren und in gewohnter Weise weiter zu wirtschaften. Die großen Kinder fühlten sich bei dem Aufbruch ganz glücklich. Sie hatten ihre Sonntagskleider an und warteten ungeduldig auf das Neue. Ihr armen Kinder, wie bitter sollte es für euch werden.

Zunächst galt unsere größte Sorge dem lieben kleinen Ernst, der doch erst 7 1/2 Monate alt war. Das Kind längere Zeit der Winterkälte auszusetzen schien unmöglich. Der fürsorgliche Kamper Opa schickte also Tante Christel mit dem Milchschlitten mit zwei Warmblütern zu uns her. Da wurde die ganze Gesellschaft eingepackt, das Büblein in seiner Kutsche, und wir sausten nach Preußenburg, meist hinter Wehrmachtsautos her. In den Flüchtlingszug konnten wir uns nicht einreihen, denn sie mussten mehr stehen als sie fahren durften und kamen nur im Schneckentempo vorwärts. Für einen Kilometer brauchten sie oft mehrere Stunden, so verstopft war alles schon am Anfang der beschwerlichen Fahrt.

In Preußenburg fanden wir scheinbar alles noch ruhig. Die Tante lag krank zu Bett. Christel fütterte die Pferde und fuhr gleich zurück, denn die Dunkelheit war inzwischen hereingebrochen und am nächsten Tag sollte sie in aller Frühe, möglichst noch in der Nacht, die anderen Fuhrwerke hierher leiten, auch unseres mit Grete, Julian und Maria.

Wir schliefen zum letzten Mal wohlversorgt im geheizten Raum. In der Nacht Reitergetrappel, Hundegebell, dröhnendes Klopfen ans Fenster: "Aufstehen, sofort räumen!" Meine armen Kinder, liebstes Büblein! Noch sah es so munter und rosig drein, richtete sich auf in seiner Kutsche und wollte sehen, was rund herum vorging.

Zwischenbemerkung
Der obige einleitende Text wurde von Elisabeth P. nach der Flucht verfasst und dem folgenden Flucht-Tagebuch vorangestellt.
Der im Tagebuch beschriebene Fluchtweg wurde von Martin Pietraß in historische Landkarten eingezeichnet. Damit kann beim Lesen des Tagebuchs der Fluchtverlauf auf der Landkarte nachvollzogen werden.
Hier eine Kopie des handschriftlichen Tagebuchs.

Flucht-Tagebuch

Montag, 22.1.1945
Am frühen Nachmittag verlassen wir unser Heim. Christel bringt die Kinder und mich auf Papas Schlitten mit zwei flinken Pferden nach Preußenburg. Die Straßen verstopft, wir schlängeln uns hinter der Wehrmacht auf der linken Straßenseite durch.

Dienstag, 23.1.1945
Nach ein paar Stunden nächtlicher Schlaf wird hier ans Fenster der sofortige Fluchtbefehl getrommelt. Unser Plan, hier mit allen Lieben vereint das Kriegsende, wenigstens die Befreiung der Heimat abzuwarten, ist zunichte! Christel, die Unermüdliche, kutschiert in den frühen Vormittagsstunden den Kastenwagen zurück nach Groß Stürlack. In der Mühle Drewski warten wir auf die anderen.

Mittwoch, 24.1.1945
Nach schwierigem Aufpassen auf den Flüchtlingsstrom in dunkler Nacht haben wir am frühen Vormittag fast alle Fuhrwerke zusammen. Nur Frida fehlt noch mit ihrem Wagen. Bei Schöneberg ist er zerbrochen. Wir warten auf sie. Soldaten werfen Ballast ab, Kekse, Drops, Schokolade. Ich möchte mit den Kindern auf dem Schlitten schneller vorwärts kommen.

Donnerstag, 25.1.1945
In der Nacht sollen russische Panzerspitzen bis nach Lötzen und näher zu uns vorgefühlt haben. Darum soll es bei Morgengrauen weiter gehen. Oh welch Glück, von der Preußenburger Straße stößt Frida auf uns. Bei eisiger Kälte und scharfem Wind einige Stunden auf freiem Feld, dann bis Queden.

Freitag, 26.1.1945
Bernhard fiebert. Die Nacht zunächst im Speisesaal des Herrenhauses, dann im Jagdsaal, den Tag nun in einem kleineren Speisezimmer. Immer mehr Flüchtlinge, Schießen und schauerliche Sprengungen, Führerhauptquartier usw. Wegen Verstopfung der Straßen keine Möglichkeit weiter zu kommen. Blinder Alarm der Soldaten, Panik.

Sonnabend, 27.1.1945
Verwundete aus Lötzen humpeln zu Fuß vorbei. Keine Hoffnung auf Gegenstoß. Wir verlassen Queden, kommen aber nur bis einige km vor Rastenburg. Dann ist alles verstopft und gesperrt, zurück. Die Brücken sind zum Sprengen vorbereitet, nur eine Wagenspur frei. Flugblätter für die Wehrmacht, Verrat und Auflösung. In den späten Abendstunden noch einmal versucht, der Himmel schauerlich rot von zahlreichen Bränden.

Sonntag, 28.1.1945
Am frühen Morgen müssen wir wieder halten. Grete steigt ab, um für den Kleinen das Fläschchen zu wärmen. Sie glaubt uns schon weiter, sucht uns einige km weiter vorn, kehrt um und findet uns gottlob wieder. Armer Kleiner! Dann rollen die Wagen auf Nebenstraßen, Korschen bleibt rechts liegen. Spät abends kehren wir in ein Kirschdorf ein. Ich finde meine Kinder nicht, die schreien. Benni heftiges Bluten aus Nase und Mund. Panzersoldat.

Montag, 29.1.1945
In den Vormittagsstunden geht es weiter, Schneckentempo mit stundenlangen Pausen bei eisiger Kälte, Versuch eines Quartiers. Brücken nach Bartenstein sollen gesprengt werden, darum weiter. Schauerliche Nacht auf der Landstraße, selbst Grete wimmert vor Kälte. Armer Kleiner in der Finsternis, ich kann fast nichts für dich tun. Ob du noch lebst?

Dienstag, 30.1.1945
Als wir ihn auf dem Gut Hülf auspacken, gibt es nur schwache Lebenszeichen, doch er erholt sich wieder. Ich habe ihn nun in einen Wäschekorb gepackt, um ihn leichter ins Warme schaffen zu können. Der Wagen ließ sich schwer herausheben.

Mittwoch, 31.1.1945
Waldis Geburtstag, früh müssen wir weiter. Wir kommen nur bis dicht vor Bartenstein, dann geht es wieder nicht weiter. Gerda und Alfred fahren nun auf einem Kutschwagen bei der Oma, so kann ich mich mehr um die beiden Kleinen kümmern. Auf dem Gut machen wir uns mit einigen Soldaten bekannt, die uns in der Nacht den schwierigen Weg durch die Stadt helfen.

Donnerstag, 1.2.1945
Auf dem Gut treffen wir Onkel Rudolf, Frida, auch Otto Zerull. Er sucht seine Familie. Wir trennen uns von der hilfreichen Artillerie Mrowka Lötzen, weil unsere vielen Wagen zu schwer beweglich sind, aber nur einige km vorwärts.

Freitag, 2.2.1945
Durch das unregelmäßige Leben macht sich bei den Kindern Erschöpfung bemerkbar, sie haben keinen Appetit mehr, leiden an Durchfall. Gerda setzt sich schlaftrunken draußen bei Frost auf die steinerne Treppe. Bei Morgengrauen geht es weiter, Dorf zerschossen, Umwege über Felder, Schneematsch. Wir landen bei einbrechender Dunkelheit auf Gut Bansels.

Sonnabend, 3.2.1945
Die Nacht in verschiedenen überfüllten Räumen zugebracht. Bei Morgengrauen in den kalten Rittersaal des Herrenhauses eingezogen. Am Tage in den geheizten Nebenraum, Bübchen sehr krank. Keine Möglichkeit weiter zu kommen. Überfall der Russen auf die Straße nach Landsberg, Infanteriegefechtsstand im Hause.

Sonntag, 4.2.1945
Hildegards Geburtstag. Wir treffen Tante Klara mit Hildchen, Schiegertochter und Schwager. Nun will Papa nicht weiter. Endlich kann er die Pferde unter Dach in einer Scheune unterbringen. Der Russe kommt immer näher. Im nahen Wäldchen wird heftig geschossen, ein russischer Panzer in Brand geschossen, Fliegerangriff. Wir fliehen ca. 13 Uhr in Richtung Preußisch Eylau. In der Nacht fahren wir immer noch, um unsere Straße wird gekämpft.

Montag, 5.2.1945
Frida will frühmorgens Quartier besorgen, die Fuhrwerke müssen plötzlich weiter. Frida findet uns nicht mehr. Keine Führung, wir fahren in die bombardierte menschenleere Stadt. Artilleriefeuer liegt auf dem Zentrum. Wir müssen weiter bis Gut Storchennest, bereits Abend.

Dienstag, 6.2.1945
Gerda krank, Bübchen auch. Gerda notdürftig angezogen, sie weigert sich, die vier Kleider, die sie bis jetzt auf dem Körper hatte, wieder anzuziehen. Wir fahren früh weiter, am Rande des Stablacks stoppt wieder alles, bis Mittag 2 Km gefahren. Wilknitt kann nicht weit sein. Papa schickt überstürzt den Kutschwagen mit den kranken Kindern, Christel und mir nach Wilknitt. Schwierige Fahrt durch den Stablack. Gustav Sadowski bei fast undurchdringlicher Dunkelheit nachts 10 Uhr in Wilknitt angekommewn.

Mittwoch, 7.2.1945
Christel zu Fuß zurück. Enttäuschung, keine Erholung möglich. Fluchtbefehl, besonders für Mütter und Kinder. Handgepäck, "Wehrmacht sorgt für Beförderung und Verpflegung". Gerda erholt sich etwas, bleibt den ganzen Tag in Opas Bett liegen. Ich mache mit Alfred einen kurzen Spaziergang durch das Gehöft, gehe auch ein Stückchen in den Wald, Tauwetter und Sonne.

Donnerstag, 8.2.1945
Fast schlaflos für mich, Abreise vorbereiten. Onkel Gustavs Geburtstag, traurig. Tante Toni elend. Oma gebrochen, nur Opa die letzte starke Säule. Selmas Trecker mit Gummiwagen fährt uns (Selma, Hilde, Dorchen, Jochen, Oma Berta, unsere Kinder und mich). In der Nacht erreichen wir Heiligenbeil. Ein Chauffeur erbarmt sich unser, läßt uns in seinem Omnibus übernachten. Lüdtkenfürster geflohen, Tante Vogel gesprochen, auch Lehrer Gurrek.

Freitag, 9.2.1945
Wir kommen trotz Bombenangriff und grundlosen Wegen bis Leisuhnen ans Haff. Mit den Kindern, getrennt von Selma in der überfüllten Schule übernachtet. Gerda, Bernhard, Bübchen recht erschöpft, keine Ruhe für mich.

Sonnabend, 10.2.1945
Sonntag, 11.2.1945
Bei anbrechendem Tag plötzlicher Aufbruch, ohne Frühstück für die Kinder, ohne Milch für den Kleinen. Selma steckt uns noch schnell Brot, Wurst, Speck, Schmalz und 2 Decken zu, dann wird der Wäschekorb mit dem Kleinen auf den leichten Bauernwagen gehoben, Gerda und Bernhard hinaufgesetzt. Alfred und ich stapfen durch den Dreck hinterher. Die schreckliche Fahrt übers Haff beginnt. Tapfer halten sich die russischen Pferdchen auf dem Glatteis. Der Trecker darf nicht weiter. Löcher und versunkene Wagen zeugen von der Gefährlichkeit des Weges. In der Nacht sind wir noch mitten auf dem Eis, vier Personen mit nur zwei Wolldecken bei Schnee und Regen. Schauerlich klingt das Schreien der Erfrierenden und Ertrinkenden um uns her. Schlaflos schüttle ich die Kinder, daß sie nicht steif für immer einschlafen. Will denn diese stockdunkle Nacht niemals enden! Bei rinnendem Regen kommt der Tag. Überall steht Wasser auf dem Eis. Wo sind darunter die Löcher? Der Mut der Verzweiflung treibt mich, das Gefährt selbst zu führen. Ihr meine armen, armen Kinder! Endlich Kahlberg in Sicht. Alles verstopft. Ich laufe einen weiten Weg, um den Kindern etwas zu trinken und dem Bübchen etwas warmen Schleim zu besorgen. Er trinkt gierig wie ein Verschmachtender 1,5 Fläschchen. Die Sonne schüttet liebende Wärme über uns, aber rechts und links schlagen die Granaten der russischen Artillerie ein. Die Kinder schreien. Ich führe sie den weiten Weg zur Schule. Als ich zurückkomme, um das Büble zu holen, ist der Wagen fort. Doch zum Glück, ich finde es wieder. Die Frau hat meine Angaben nicht beachtet und ist ein Dorf zu weit gefahren. Ein verzweifeltes Hin und Her. Schließlich stellen es zwei mitleidige Landser mitsamt dem übrigen armseligen Gepäck auf ihren zweirädrigen Proviantkarren. Endlich sind wir bei den anderen Verlassenen, nach der Mutti und dem Brüderchen schreienden Kindern. Die beiden letzten Wolldecken sind auf dem Wagen geblieben.

Montag, 12.2.1945
Enttäuschung. An den Suppe- Kaffee- und Brotausgabestellen stehen endlose Schlangen, keinen Topf zum Essen holen, oft vergeblich. Aber wir wollen und müssen weiter. Wie? Mit Schiff, Auto oder zu Fuß weiter übers Haff bis Stutthof, wo eine Kleinbahn nach Danzig fährt? Mir scheint das Schiff die einzige Möglichkeit, die Kinder lebend bis Danzig zu bringen.

Dienstag, 13.2.1945
Mittwoch, 14.2.1945
Schiffskarten habe ich. Aber wie mit den schlappen Kindern und vor allen Dingen mit dem Wäschekorbbübli bis zur See gelangen? Durch Neuschnee ziehe ich den Korb hinter mir her. Schließlich bin ich bei den Wartenden. Vom frühen Morgen bis zur einbrechenden Dunkelheit dauert das Anstehen. Als wir denken, wir können einsteigen, kann kein Schiff mehr anlegen. Der Sturm ist zu heftig. Ohne einen Tropfen Wärme muß ich die Kinder im Angesicht der stürmenden See im Freien zur Ruhe betten, Schnee fegt über uns her, dann funkeln die Sterne vom frostklaren Himmel. Werden wir den nächsten Morgen noch erleben? Ein Landser findet uns und schafft uns in eine Baracke. Eine mitleidige Frau überläßt mir auf vieles Bitten ihre vorsintflutliche Sportkarre, trotz ihres Gepäcks, als Wagenersatz für den Kleinen.

Donnerstag, 15.2.1945
Freitag, 16.2.1945
Sonnabend, 17.2.1945
Keine Schiffe, die wilde See zerbricht alle Landungsstege. Die Wartenden werden zurück aufs Haff auf die Straße getrieben. Ich verkrieche mich mit den Kindern in einen Geräteschuppen und will weiter warten. Auf dem Abfallhaufen fand ich einige Konservenbüchsen und eine alte Wasserkanne voller Unrat. An der See wird alles mit Wasser, Sand und Schnee gescheuert und dann einige Kilometer weit nach Suppe und einer Scheibe Kommißbrot, Schleim und Milch für's Bübli gelaufen. Bernhard wacht derweil beim Brüderchen, Gerda und Alfred laufen abwechselnd mit der Mutti mit. Zurückgekommen, wird's draußen im Wald am offenen Feuer noch einmal gewärmt und gegessen. Viel zu lang ist die Nacht in der fensterlosen Baracke für die schlaflose Mutti. Zwei- bis dreimal gehe ich in der Nacht zu den verwundeten Landsern, um das Fläschchen für den kleinen Ernst zu wärmen. In der Nacht könnte ich ihn gut betreuen, wenn ich Licht in der Baracke hätte.

Sonntag, 18.2.1945
Montag, 19.2.1945
Oft betrachten wir am Tage miteinander die herrliche See, und ich denke an bessere hier verlebte Tage zurück. Endlich wird sie still. Einen ganzen Tag steht mein armseliges Häuflein am Wasser bis wir gegen Abend ins Schiff steigen können und im Minenräumboot in der Nacht nach Danzig gelangen. Wie wohlig ist es auf dem Stroh der geheizten Halle. Doch schon mittags geht's in den kalten Güterzug. Auf dem Boden kein Stroh, in unserem Wagen ca. 57 Menschen mit Gepäck, 7 Kinderwagen mit Säuglingen.

Dienstag, 20.2.1945
Der Zug rollt ein Stück, dann bleibt er irgendwo stehen, oft auf freier Strecke oder auf totem Gleis. Dann verläßt uns die Lokomotive. Sie wird irgendwo anders nötiger gebraucht oder man weiß nicht wohin mit uns.

Mittwoch, 21.2.1945
Donnerstag, 22.2.1945
Tagelang ohne ein warmes Getränk. Wir nähren uns von dem aufgesparten Kommißbrot. Die Kinder werden immer matter. Sie verspüren keinen Hunger, nur Durst. Das kalte Wasser gestatte ich ihnen nur in kleinen Mengen zu trinken. Bisweilen wird an Haltestellen schwarzer Kaffee verteilt. Er tut aber den geschwächten Gedärmen nicht wohl, bald werden alle von Durchfall befallen. Unerquickliche Bilder innerhalb und außerhalb des Güterzugs. Zwei Tote in unserem Wagen, ein vierjähriger Junge aus Arys und eine Greisin aus dem Samland.

Freitag, 23.2.1945
Sonnabend, 24.2.1945
Mein liebes Bübchen lebt noch. Es ist sehr artig, wahrscheinlich großenteils auch aus Mattigkeit. Immer habe ich etwas Flüssigkeit für es bereit, Schleim, meistens reine Milch, oft auch nur scharzen Kaffee, da tue ich viel Milchnährzucker hinein. Lebionzucker, Schokolade und Zwieback habe ich auch noch. Auf einer Station (Schiefelbein, Pommern) kann ich es sogar in warmem Wasser in einer Schüssel abwaschen. Allerdings wäre mir da beinahe der zug vor der Nase abgefahren, mit den drei jammernden "Großen".

Sonntag, 25.2.1945
Die drei "Großen" sind matt, hilflos wie Säuglinge, besonders Gerda abgemagert zum Skelett, alle husten, haben schweren Durchfall, und nur Alfred kann sich noch selbständig auf den Beinen halten. Arme Kinder, wie lange wird eure Mutti, die nun schon seit dem 22. Januar fast ganz ohne Schlaf ist, für Euch kämpfen können?

Montag, 26.2.1945
Gestern sind wir in Pinneberg bei Hamburg ausgeladen worden und vorübergehend in einer Schule untergebracht, sehr eng, aber geheizt. Wir bekommen Suppe, Kaffee, Brot und für die Kleinsten Schleim und Milch. Auch Urlaubermarken gibt es, und wir können in einem freundlichen, sehr sauberen Städtchen einkaufen.

Dienstag, 27.2.1945
Wir werden auf Lastautos nach Elmshorn zur Entlausung gefahren, bei uns eine unnötige Strapaze. Um 10 Uhr abends landen wir unangemeldet in unserem Privatquartier. Es sind liebe, hilfsbereite MKenschen, die uns aufnehmen, die oft das Letzte mit uns teilen.

Mittwoch, 28.2.1945
Donnerstag, 1.3.1945
Die Not ist groß. Es fehlt vor allem an genügend Brennmaterial, an einem heizbaren Raum für unser Bübchen und der richtigen Pflege für den Liebling. Die Mutti merkt's, für die großen Aufgaben reichen die Kräfte nicht mehr. Aber sie hofft, die schreckliche Flucht haben wir überstanden. Nun werden wir es hier schaffen. Aber es gibt so viel vergebliches Laufen um Lebensmittelmarken, Brennmaterial, Kleidung und Einrichtungsgegenstände.

Freitag, 2.3.1945
Mein Geburtstag, traurig und doch voll Hoffnung, die Kinder am Leben zu erhalten. Das Büblein sitzt so matt in seinem Körbchen, in dem es keinen Platz zum Langstrecken hat.

Sonnabend, 3.3.1945
Gruschkas bereiten die Einsegnung für Ilse vor. Fliegeralarme machen uns besonders viel zu schaffen. Dann dröhnt das ganze Haus, und wir müssen in den Keller. Das Büblein macht mir je länger desto mehr Sorge.

Sonntag, 4.3.1945
Montag, 5.3.1945
An den Einsegnungsfeierlichkeiten kann ich nicht teilnehmen, ich bin zu müde und nicht zum Feiern aufgelegt. Einige Gäste, meist Ostpreußen, besuchen uns in der neu eingerichteten Küche. Für Bübchen wird hier ein Bettchen aufgestellt. Doch die unregelmäßige Erwärmung des Raumes, der Rauch und Durchzug tut den geschwächten Lungen nicht gut. Er verträgt auch die Nahrung nicht und erbricht und fiebert. Der Stuhl ist dünn und grün.

Dienstag, 6.3.1945
Da kein Arzt herauskommt, bringt ihn Tante Lüdemann mit dem Bus nach Schenefeld. Der macht ein sehr ernstes Gesicht, verschreibt schwarzen Tee mit etwas Süßstoff und rohe geriebene Äpfel, verbietet jede andere Kost. Glücklicherweise habe ich einige Äpfel, Sonderzuteilung für die Flüchtlingskinder.

Mittwoch, 7.3.1945
Donnerstag, 8.3.1945
Tante Lüdemann besorgt etwas schwarzen Tee. Alle halbe Stunde wird dem Schwerkranken etwas angeboten, soweit ich das ohne Uhr im Gefühl habe. Gerda und Bernhard liegen fast den ganzen Tag im Bett. Außer körperliche Schwäche, Husten und Schmerzen in der Brust haben sie Schmerzen in den Füßen, Erfrierungen 1. Grades stellt der Arzt fest.

Freitag, 9.3.1945
Zu allem Unglück merken wir, daß wir Läuse haben, Kopfläuse und auch ein paar Kleiderläuse. Nun heißt es, täglich die Köpfe waschen und mehrmals täglich mit dem Staubkamm bearbeiten. Sogar Alfred und Bernhard sind befallen. Bei der langen, zwei Monate alten Wolle braucht es uns nicht zu wundern. Draußen ist es noch immer kalt, oft frostig, sonst naß und unfreundlich.

Sonnabend, 10.3.1945
Ich hole mit Alfred aus dem Wald Reisig. Es fällt mir sehr sauer, fühle mich sehr schwach. Auf dem Heimweg fällt mich der Wind von vorn an, kaum schaffe ich es, bin wie ausgepumpt. So geht's nicht weiter. wenn doch erst der wahnsinnige Durchfall aufhören wollte.

Sonntag, 11.3.1945
Ich faste zwei Tage, ohne Erfolg. Fieber kommt dazu, mit heftigem Stechen in der Brust. Meine armen Kinder, liebstes todkrankes Büblein, was soll nun werden?!

Montag, 12.3.1945
Tante Lüdemann spricht ein energisches Machtwort. Nachmittag muß ich zu Bett. Ab und zu sieht jemand nach uns. Mit Aufbietung der letzten Kräfte laufe ich noch ein paar Mal in der Nacht zu meinem Büblein. Es kann nicht schlafen, hat die Augen weit auf und blickt mich groß an. Wird's besser mit ihm, wird's der liebe Gott mir wieder schenken?

Dienstag, 13.3.1945
Mittwoch, 14.3.1945
Heute darf ich nicht mehr zu ihm, der Arzt hat es mir strengstens untersagt. Mein Leben steht auf dem Spiel. Liebes KInd, dein Wachen in der Nacht war ein Abschiednehmen von dieser Welt. Heute, an Omas Geburtstag stirbst du, und niemand ist bei dir, kann dein letztes Stündlein angeben. Noch darf ich nicht zu dir eilen, aber deinen Geschwistern darf ich noch einmal vor Augen führen, was du uns warst, was du ohne Klagen erduldet hast, wie du gewissermaßen geopfert wurdest, um das Leben deiner Geschwister zu retten.

Donnerstag, 15.3.1945
Freitag, 16.3.1945
Sonnabend, 17.3.1945
Erst heute darf ich Dich anschauen. Deine gebrochenen Augen sind weit aufgerissen, Du wendest Dich mit Entsetzen von dieser Welt, die in deinem kurzen Leben so viele schlechte Tage für dich hatte. Nach rechts hast du dich gewendet, auf der rechten Seite lagst du am liebsten, als du das Licht der Welt erblickt hattest, als du von ihr gingst, wandtest du dich nach links. Ruhe sanft in deinem schlichten Schrein. Deine blonden Locken schmücken dich, und Schneeglöckchen und gelbe Krokusse auf deinem weißen Papierkleidchen bitten dich um ein freundliches Gedenken an diese Welt. Dein schmutziges Näschen mögen dir die Englein im Himmel putzen, hier fand sich niemand dafür.

Sonntag, 18.3.1945
Nur Gerda kann dich heute auf deinem letzten Gang aus der Leichenhalle bis zu deinem kleinen Grab begleiten, das erste in der dritten Gräberreihe links. Einige schlichte Kränze schmücken es. Vierzehn Tage vergehen, ehe ich es besuchen kann. Es ruht zusammen mit lauter Kleinkindern, fast alle ostpreußische Flüchtlinge.


Anmerkungen
Nach dem Begräbnis ihres zehn Monate alten Sohns Ernst fuhr Elisabeth P. mit ihren Kindern Gerda, Alfred und Bernhard mit dem Zug von Pinneberg nach Lichtenstein in Sachsen zu der Familie des Mühlenbesitzers Kurt Hennig. Sie wohnten zunächst in der Hennig-Mühle, wo der Vater Ernst P. nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft seine Familie wiederfand.

Ernst P. hatte Kurt Hennig vor dem Krieg auf der Müllerschule in Dippoldiswalde (Sachsen) kennengelernt. Sie blieben in freundschaflichem Kontakt zueinander und hatten vereinbart, dass im Falle der Flucht aus Ostpreußen die Familie nach Lichtenstein kommen sollte. Dieser Plan war glücklicherweise erfolgreich.